Leben und Zusammenleben der Sprachgruppen in Südtirol

Auswirkungen von Autonomie und Minderheitenschutz auf Schule und Bevölkerung

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von DANIELA PICHLER

Nach vielen Jahren des ungelösten Konflikts wird Südtirol und seine Autonomie heute weltweit als Vorzeigemodell für gelungene Streitbeilegung in Minderheitenkonflikten gefeiert. Schließlich gibt es kaum mehr nach außen getragene Konflikte zwischen der italienischen, deutschen und ladinischen Bevölkerung. Aber friedliches Zusammenleben bedeutet nicht gleich friedliches Zusammenleben. Besonders die Sprach- und Schulpolitik wirken sich vordergründig auf die Sprachgruppen in Südtirol aus.

Historischer Rückblick

Nach der Loslösung Südtirols von Österreich und Angliederung an Italien durch den Frieden von St. Germain 1919 folgte in der Region ein über 70 Jahre andauernder Kampf der Südtiroler Bevölkerung um ihre Rechte. Zum damaligen Zeitpunkt lebten in der Region neben rund 85% Deutschsprachigen 4,2% Ladiner_innen und 11,5% Italiener_innen1. Diese Zusammensetzung änderte sich rasch mit der Machtübernahme Mussolinis und der daraufhin durchgeführten „Italianisierung“, mit dem Ziel, die Südtiroler Sprache und Kultur zu verdrängen. Durch das Verbot der deutschen Sprache im öffentlichen Raum wurde die Südtiroler Bevölkerung zu einer Minderheit im eigenen Land und brutal unterdrückt2. Zudem wurden Italiener_innen aus dem Süden Italiens nach Südtirol umgesiedelt, sodass der Anteil an Italiener_innen bis 1931 auf 23,2% anstieg1. Besonders dramatisch wurde die Situation der Südtiroler_innen nach der Machtergreifung Hitlers und der „Völkischen Flurbereinigung“, woraufhin die Südtiroler Bevölkerung 1939 vor die „Option“ gestellt wurde, zwischen dem Verbleib in der Heimat unter vollkommener Aufgabe von Sprache und Kultur und der Auswanderung ins Deutsche Reich. Rund 75.000 Bewohner_innen verließen dadurch das Land2. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begannen in den Friedensgesprächen Verhandlungen über die Südtirolfrage, in denen über die Zukunft Südtirols und dessen Bevölkerung diskutiert wurde. Die teilweise auch gewaltsamen Konflikte dauerten bis in die 90er Jahre an, bis sich die Südtiroler Bevölkerung zum Großteil gerecht behandelt fühlte. Die Lösung der spannungsreichen Auseinandersetzungen liegt in der Autonomie Südtirols, welche auf drei Säulen basiert.

Die drei Säulen der Autonomie

Die Basis der Südtiroler Autonomie und des Minderheitenschutzes liegt im Pariser Vertrag von 1946, welcher das Recht auf Gebrauch der Muttersprache in öffentlichen Ämtern beinhaltet3. Zudem festgesetzt wurde die Gleichberechtigung der Südtiroler Bevölkerung gegenüber der Italienischen und besondere Maßnahmen zur Erhaltung des Volkscharakters, sowie der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Südtirols4.

Im Jahr 1948 trat eine neue Verfassung in Kraft, welche die zweite Säule bildet. Die Förderung der Dezentralisierung und örtliche Selbstverwaltung und der Schutz der sprachlichen Minderheiten durch besondere Bestimmungen wird ausdrücklich betont. Daneben sind im Zuge des Autonomierechtes die Gesetzgebungskompetenzen von Staat und Regionen aufgeführt. Für alle Sachgebiete, die nicht ausdrücklich der staatlichen Gesetzgebung vorbehalten sind, steht den Regionen die Gesetzgebungsbefugnis zu5.

Nach unzureichender Umsetzung des erlassenen Ersten Autonomiestatuts wurden 1961 konkrete Maßnahmen zum besseren Schutz der Südtiroler Bevölkerung erarbeitet. Für 97 der 137 Maßnahmen war eine Verfassungsänderung notwendig, die Teil des Zweiten Autonomiestatuts wurden, das 1972 in Kraft trat und die dritte Säule der Autonomie bildet. Zur Durchführung des Zweiten Autonomiestatuts wurden zwischen 1973 und 1992 Durchführungsbestimmungen erlassen, wodurch dem Land nach und nach Autonomierechte übertragen wurden, um besser auf die sprachlichen und kulturellen Bedürfnisse der Bewohner_innen eingehen zu können6. Für die Sprach- und Schulpolitik von besonderer Relevanz waren dabei „Artikel 19“ von 1972 und der „ethnischen Proporz“ und Vorschriften über die Zweisprachigkeit von 1976. Diese bilden heute die Hauptelemente der Sprachpolitik.

Auswirkungen auf die Sprach- und Schulpolitik

Der ethnische Proporz dient als Schutzmechanismus für alle sprachlichen Minderheiten in Südtirol. Anzuwenden ist er laut Statut im Wesentlichen bei der Stellenbesetzung im öffentlichen Dienst und bei der Verteilung von Haushaltsmitteln im Land. In diesen Bereichen werden die Positionen, bzw. die Mittel gerecht im Verhältnis zu der jeweiligen zahlenmäßigen Stärke der Sprachgruppen verteilt7. Voraussetzungen für die Anwendung der Proporzregelung sind Volkszählungen, in denen die zahlenmäßige Stärke der Sprachgruppen, sowie die Zugehörigkeit der einzelnen Bürger zu je einer Sprachgruppe ermittelt werden. Nach aktuellem Stand der Sprachgruppenzugehörigkeit (Volkszählung 2011) gehören 314.604 (69,41%) der deutschen, 118.120 (26,06%) der italienischen und 20.548 (4,53%) der ladinischen Sprachgruppe an4. Da sich die ladinische Volksgruppe auf wenige Täler und Ortschaften im Südosten des Landes konzentriert, dürfen Ladiner_innen in diesen Ortschaften von ihrer Sprache in öffentlichen Ämtern rechtlich Gebrauch machen. Ansonsten sind Deutsch und Italienisch die Amtssprachen im gesamten Land8.

Der Artikel 19 der Durchführungsbestimmung vom 31. August 1972 erkennt den drei Sprachgruppen das Recht auf Muttersprache im Unterricht an. Einen wesentlichen Wendepunkt in der Schulpolitik stellt auch eine weitere Durchführungsbestimmung vom 15. September 1975 dar, in der für die drei Sprachgruppen drei autonome Schulämter eingesetzt werden, die jeweils innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Rahmen ein eigenes Schulmodell entwickeln können9.

Schule und Zweitsprache

Die deutsche und italienische Schule sind monolingual ausgerichtet, das heißt, die Unterrichtssprache ist Deutsch, bzw. Italienisch, die jeweilige andere Sprache wird als Zweitsprache ab dem ersten Schuljahr unterrichtet. In den ladinischen Schulen wird der ladinischen Sprache vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ab der zweiten Klasse Grundschule findet der Unterricht eine Woche auf Deutsch statt, die darauffolgende auf Italienisch, Ladinisch wird als Unterrichtsfach zwei Stunden pro Woche gelehrt. Ab der Mittelschule (6. Klasse) werden gewisse Fächer immer auf Italienisch, andere immer auf Deutsch unterrichtet9.

Je nach Kultur und Erfahrung der Geschichte, stellt jede Sprachgruppe andere Schwerpunkte in der Schulbildung in den Mittelpunkt. Für die deutsche und ladinische Schule standen nach der jahrzehntelangen Unterdrückung der Schutz von Sprache und Kultur im Vordergrund, allerdings wurde auch früh die Relevanz der Beherrschung der italienischen Sprache erkannt. Die italienische Schule entwickelte sich hingegen nur langsam von einer zentralstaatlich gelenkten Institution hin zu einer autonomen Bildungseinrichtung und versäumte lange die Förderung des Deutschunterrichts, weshalb trotz zunehmenden Initiativen seit den 90ern auch heute noch Nachholbedarf herrscht.

Ergebnisse einer Studie der Angewandten Sprachforschung des Forschungszentrums EURAC zeigen, dass die deutschsprachigen Schüler_innen die Zweitsprache besser beherrschen als umgekehrt. In der Studie wurden die Einflussfaktoren untersucht, die für das Zweitsprachniveau relevant sind. Zu diesen zählen das Niveau des Schultyps (Gymnasium gegenüber Fachoberschule), Sprachumgebung (Präsenz der Zweitsprache im Wohnort) und der sozioökonomische Hintergrund. Innerhalb der Studie konnten die Teilnehmer_innen ihre gefühlte Sprachgruppenzugehörigkeit angeben; interessant dabei ist, dass 16,6% „zweisprachig“ angaben. Im Gegensatz zum Standarddeutschen als Unterrichtssprache, wird im Alltag vorwiegend im Südtiroler Dialekt gesprochen, was darauf hinweist, dass die außerschulische Alltagsrelevanz entscheidend für das Niveau der Zweitsprache ist10.

Basierend auf mehreren möglichen Erklärungen setzt sich im Alltag die italienische Sprache nach wie vor gegenüber dem Deutschen durch.

Auswirkungen auf das Zusammenleben

Der ethnische Proporz ist ein gelungenes Mittel zum Schutz der sprachlichen Minderheiten und zum Erhalt des Friedens zwischen den Sprachgruppen, durch gerechte Verteilung von Haushaltsmitteln und Arbeitsplätzen. Doch in den dafür notwendigen Volkszählungen muss sich jede_r Bürger_in für eine Sprache und damit für eine Gruppe und gegen zwei andere entscheiden. Hinzu kommt, dass sich auch Bürger_innen, die zweisprachig aufgewachsen sind, letztendlich für eine Sprache entscheiden müssen. Durch diese Sprachgruppenzugehörigkeit wird dieselbe hervorgehoben, sodass Trennung der Sprachgruppen gegenüber der Vermischung überwiegt11. Auch Manuela Zappa kommt in ihrem Werk zum Schluss, dass trotz reibungslosem Nebeneinander der Sprachgruppen, der Ethnozentrismus unter eher zu-, als abgenommen hat12.

Die Schule hat hinsichtlich des Zusammenlebens der Sprachgruppen folgende zwei relevante Auswirkungen: zum einen schützt sie die Sprachgruppen, in dem der Unterricht in der Muttersprache stattfindet und zum anderen unterrichtet sie die Zweitsprache und kann so die Kommunikation zwischen den Sprachgruppen (außerhalb der Schule) ermöglichen. Die Einsetzung von drei Schulämtern ab 1975 bildet einen weiteren relevanten Schritt im Minderheitenschutz9, auf der anderen Seite wird die Bevölkerung von klein auf in den Sprachgruppen getrennt. Kontakte zwischen den Schulen verschiedener Sprachen bilden eher die Ausnahme und sind auf das Engagement einzelner Lehrpersonen zurück zu führen. Das Sprachgruppen trennende Schulsystem wird auch von der Bevölkerung zunehmend in Frage gestellt. Nach der Zeit des Faschismus waren sämtliche Schutzmaßnahmen notwendig, doch mittlerweile fordern immer mehr Südtiroler_innen ein stärkeres Maß an Zusammenleben und Überwindung von trennenden Strukturen11.

Schlussfolgerung

Sprache verbindet und ist im Zusammenleben von drei Sprachgruppen in einem Land sicher vordergründig. Deshalb ist eine der Hauptaufgaben der Schulen in Südtirol der Unterricht der Zweitsprache. Allerdings kann die Schule im derzeitigen System der drei Schulmodelle kaum über den Zweitsprachunterricht hinaus wirken. Wie die Studie der EURAC zeigt, findet Sprache vor allem durch Interaktion mit Anderssprachigen außerhalb der Schule statt. Der Erwerb der Zweitsprache bildet eine Näherung an Überwindung von trennenden Strukturen, doch eine Vermischung geht über reinen Spracherwerb hinaus.

Damit die Schule ein wirkliches Zusammenleben der Sprachgruppen fördern kann, muss das trennende Schulsystem aufgelöst und zwei- oder mehrsprachige Schulen geschaffen werden. Ein Vorbild könnte dabei das ladinische Schulmodell sein, sodass auch in der italienischen und deutschen Schule der Unterricht der Zweitsprache aktiv in anderen Unterrichtsfächern eingebaut wird und so beide Sprachen gleich gut beherrscht werden.

Doch hinsichtlich der Erfahrungen in der Nachkriegszeit gibt es noch große Hemmungen den damit zusammenhängenden Minderheitenschutz bis zu einem gewissen Punkt aufzuheben. Denn ohnehin sieht sich das Südtiroler Bildungssystem im Zuge der Modernisierungstendenzen im Bildungsbereich und der Zunahme an Globalisierung und Internationalität auch immer stärker mit der Notwendigkeit der Bewahrung des sprachlichen und kulturellen Gleichgewichts konfrontiert. Aus Angst vor Kulturverlust wird die Idee der zweisprachigen Schule deshalb noch Großteils abgelehnt, nicht bedenkend, dass sich in Südtirol durch die Autonomie und drei Sprachgruppen in einem Land bereits eine eigene neue Kultur entwickelt hat, die sich sowohl von der österreichischen, als auch von der italienischen unterscheidet.

Quellverweise und weiterführende Literatur

1 Autonome Provinz Bozen-Südtirol –ASTAT (1986): Südtirol in Zahlen. Bozen. S. 160-200. [http://astat.provinz.bz.it/downloads/Siz_1986-dt.pdf; letzter Zugriff am 04.08.2017]

2 Von Hartungen, Christoph; Südtiroler Landtag [Hrsg.] (2002): Kurzgefasste Landesgeschichte Südtirols. 23 S. [http://www.jugend.landtag-bz.org/smartedit/documents/download/geschichte_suedtirols.pdf; letzter Zugriffam 28.05.2017]

3 Gruber, Alfons (2005): Geschichte Südtirols -Streifzüge durch das 20. Jahrhundert (Dritte, ergänzte Auflage). Verlagsanstalt Athesia, Bozen. 157 S.

4 Südtiroler Landesregierung Bozen [Hrsg.] (2017): Das Südtirol-Handbuch. Bozen. 278 S.

5 Verfassung der Italienischen Republik per Seite der Autonomen Region Trentino-Südtirol (ital. und dt.), amtliche Übersetzung (2009). 101 S. [http://www.verfassungen.eu/it/; letzter Zugriff am 30.05.2017]

6 Südtiroler Landesregierung Bozen [Hrsg.] (2009): Das neue Autonomiestatut. Bozen. 145 S.

7 Südtiroler Landesregierung Bozen [Hrsg.] (2006): Südtirols Autonomie. Bozen. 385 S.

8 Autonome Provinz Bozen-Südtirol –Ressort für Familie und Verwaltung [Hrsg.] (2017): Minderheitenschutz. [http://www.provinz.bz.it/politik-recht-aussenbeziehungen/autonomie/minderheitenschutz.asp; letzter Zugriff am 04.08.2017]

9 Verra, Roland (2008): Die Entwicklung der drei Schulmodelle in Südtirol seit 1945. In: Ladinia XXXII. S. 223-260. [http://www.micura.it/upload-ladinia/files/450.pdf; letzter Zugriff am 31.05.2017]

10 Abel, Andrea; Vettori, Chiara (2017): KOLIPIS –Die Südtiroler Schüler_innen und die Zweitsprache –eine linguistische und sozialpsychologische Untersuchung. Eurac Research. Bozen. 253 S.

11 Delaiti, Thomas (2003): Mehrsprachigkeit und Schule –wie an einigen deutschen und italienischen Schulen Südtirols Mehrsprachigkeit gefördert wird. Freie Universität Bozen. 281 S.

12 Frankfurter Allgemeine Zeitung (1997): Soziokulturelle Läuterung –Südtirol eignet sich nicht als Multikultobjekt. Nr. 54 / Seite 10. [http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/politik/rezension-sachbuch-soziokulturelle-laeuterung-11313193.html; letzter Zugriff am 04.08.2017] Südtirols Mehrsprachigkeit gefördert wird. Freie Universität Bozen. 281 S.

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