Alltagsrassismus und junge Wissenschaft

von SINTHIOU BUSZEWSKI

DeFoto Sinthiou Buszewskir Anlass meines Textes ist das Gala-Dinner der Assistententagung Öffentliches Recht 2015. Es fand im Steigenberger Hotel „Drei Mohren“ statt. Die Auswahl eines Restaurants, welches einen rassistischen Namen trägt, ist kritikwürdig. Aber auch ganz allgemein möchte ich mit diesem Blogbeitrag auf das Problem des Alltagsrassismus aufmerksam machen, das uns gerade als Rechtswissenschaftler*innen angeht. Wir arbeiten mit und durch Sprache. Sprache bestimmt gesellschaftliches Miteinander. Im Folgenden möchte ich daher Argumente, die mir einige Kollegen auf der Tagung entgegenbrachten, die aber ganz typisch für das zugrundeliegende Problem sind, kritisieren, zurückweisen und entkräften. 

Argument 1: Das Wort „Mohr“ ist nicht rassistisch oder als Abwandlung: Es ist doch gar nicht rassistisch gemeint, sondern rein historisch.

Der Begriff „Mohr“ ist ähnlich wie der Begriff „Neger“ rassistisch. Die Benutzung des Begriffs in Kunst und Kultur ändert daran nichts. Im Gegenteil, hier kommt die rassistische Verwendung sogar oft zum unmittelbaren Ausdruck. Ja, der Begriff „Mohr“ hat eine historische Bedeutung. Es wurde im Mittelalter und ab dem 18. Jahrhundert synonym mit „Neger“ benutzt. Der „Mohr“ als Wappenzeichen etwa wurde als Form der Demütigung des Islams benutzt.

Argument 2: „Mohr“ heißt doch nur „Schwarz“ und ist daher rein deskriptiv.

Nein, nicht ganz. Der Begriff geht etymologisch auf das Wort „maurus“ (lateinisch) aber auch auf das Wort „moros“ (griechisch) zurück. Ersteres bedeutet schwarz, dunkel und afrikanisch; zweiteres schlecht, töricht und dumm. Negativ belegt war das Wort von Anfang an.

Oft wird das Argument dann wie folgt abgewandelt: Das hab ich eben so gelernt.

Zwar sollte (hoffentlich) dieses Exemplar des Nicht-Arguments bald aussterben, Berechtigung hat es freilich nicht. Es ist der kleine Bruder des Arguments: Das wird man ja noch sagen dürfen.

Argument 3: Es gibt doch auch die Mohrenstraße in Berlin und die Mohren-Apotheke.

Na und? Seit wann macht mehrfaches Unrecht plötzlich Recht? (Zur auf die Verschleppung von Afrikaner zurückgehende Geschichte der Mohrenstraße in Berlin hier und hier)

Sprache formt unsere sozialen Beziehungen. Das wissen wir als Rechtswissenschaftler*innen doch besonders gut. Deshalb ist es auch so schmerzhaft für mich, dass die Veranstaltung im „Drei Mohren“ stattfand. Wir sollten uns nicht zu schade sein, auch eingeübten Formen von Alltagsrassismus die Stirn zu bieten. Alltagsrassismus meint z.B. die unreflektierte Benutzung etwa von Klischeebildern vom „schwarzen Kontinent“, vom schwarzen Mann mit dicken Lippen und Kulleraugen, Goldkettchen behangener Gangster oder lustiger Dummköpfe ohne Persönlichkeit und in den meisten Fällen als der Diener oder der Sklave des weißen Mannes (hier ein paar Bilder). Verbunden mit dieser Darstellung sind Eigenschaften der Untertänigkeit, Dummheit und Unterlegenheit. Wie wir während des Gala-Dinners überall sehen konnten, wurde auch im Steigenberger der Mohr als eben solcher Stereotyp dargestellt: Dicke Lippen, schwarz, keinerlei besondere identifikatorische Merkmale, die die drei Mohren unterschieden hätten.

(Bild)Sprache kann verletzen, kann exkludieren, kann rassistisch sein, selbst wenn der Sprecher keine rassistischen Motive hat. Für uns als Rechtswissenschaftler*innen ist Sprache besonders bedeutsam. Wir arbeiten mit ihr, sie ist für unsere Profession essentiell (cf. Law and Language Ansätze. Zum Einstieg lese hier und hier, zum Problem in der Rechtssprache hier und hier). Gerade deshalb müssen wir die eigene Sprache überdenken, nicht nur im Kontext juristischer Subsumtion bewusst einsetzen und einzelnen Begriffen zugrundeliegende Denkmuster reflektieren. Die Ablehnung, Alltagsrassismus als Problem zu identifizieren und zu bekämpfen, zeugt zumindest von fehlender Empathie.

32 Kommentare zu “Alltagsrassismus und junge Wissenschaft

  1. Michael Loeffler

    Unglaublich, dass a) das Hotel es nicht einmal erwähnenswert findet, die Fragwürdigkeit des eigenen Namens in irgendeiner Weise auf der Website zu erwähnen und b) das sich niemand im Orga-Team an dem Namen gestört zu haben scheint.

  2. Katrin Giesen

    Ganz toller Artikel, überfällig in der Sache, und sprachlich ganz wunderbar formuliert. Danke!

  3. Jordan Belford

    Also selten so ein Schwachsinn gelesen. Wenn das hier die intellektuelle Elite sein soll, dann gute Nacht. Grundsätzlich ist wohl heutzutage alles diskriminierend und man muss auf die gefühle aller Rücksicht nehmen. ich finde nicht, dass man die deutsche Sprache jetzt verstellen muss, nur weil es einige Leute gern so hätten und sich auf den Schlips getreten fühlen…

    • Gelesen? Bezweifel ich… Schließlich beschäftigt sich ein erheblich der Teil des Artikel damit, weshalb dieser konkrete Begriff diskriminierend ist.

      • Ann-Kathrin Hohmann

        Ja aber die Argumente waren teilweise sehr bescheiden.

        Zum Beispiel bzgl der negativen Belegung des Wortes Mohr. Mag ja sein, dass Mohr von dem griechischen Wort für dunkel herrührt, aber schwarze sind auch dunkel, oder zumindest dunkler als hellerhäutige. Dass das Wort „dunkel“ eine negative Konnotation hat ist schade, liegt aber nicht vorrangig daran, dass man „Maximalpigmentierte“ – oder wie auch immer man es heutzutage noch nennen darf – schlecht machen will, sondern viel mehr daran, dass das Wort „dunkel“ auch im ganz normalen, alltäglichen Gebrauch ein Synonym für „schlecht“ oder „dumm/töricht“ sein kann. Bsp.: das waren schlechte Zeiten für mich/ das waren damals dunkle Zeiten; da war ich wohl geistig etwas umnachtet (=nacht=dunkel). Die Tatsache, dass man im Dunkeln nichts sehen kann und das viele Leute im Dunkeln Angst haben, weil viele Mythen und Gruselgeschichten die Dunkelheit als Stilmittel nutzen, sehe ich eher als Ursache für die negative Konnotation.

        Und jetzt mal ganz im Ernst- wenn ihr ein gut gehendes Restaurant bzw Hotel führt, welches sich über Jahre vllt Jahrzente einen gewissen Ruf erarbeitet hat, welches vielleicht schon euren Vorvätern gehört hat, ihr selber aber null rassistisch seid und es auch noch nie rassistische Vorfälle in dem Restaurant gegeben hat, würdet ihr das Restaurant dann ernsthaft umbennen?? Neues Briefpapier, Reputation, neue Homepage, Änderung der Firma, usw. Ich hätte da keine Lust drauf und wisst ihr warum? Alleine schon aus Trotz. Ja, Sprache ist wichtig. Aber Handlungen und Metaebene sind viel wichtiger. Mohr ist erst dann ein Schimpfwort, wenn wir es als solches gebrauchen. Jeder der Mohr in einem nicht rassistischen Zusammenhang, ganz neutral verwendet, trägt meiner Meinung nach dazu bei, dass Rassismus WENIGER wird. Ein Freund von mir wollte sich mal keine Fred Perry Schuhe kaufen, weil das angeblich eine Marke der Rechten Szene sei oder lange war. Aber warum ist das denn so? Na weil nur Rechte Vollidioten die Marke tragen und sich so von anderen abgrenzen. Wenn die ersten Punks mit bunten Dreadlocks und Tunneln und Löchern in der Hose an Fred Perry Gefallen finden, will ich mal die Freunde der Rechten sehen. Die ist bestimmt groß. Nicht.

        Und wegen der Historie. Ja, früher war Mohr vielleicht negativ besetzt. Heute sieht man aber schon allein daran, dass das selbst Juristen nicht auffällt (und nein ich schreibe jetzt nicht *innen, auch das ist meiner Meinung nach etwas, das gelebt und nicht vergrammatistümmelt werden sollte) und auch diversen Gästen wohl noch nicht aufgefallen ist (ich bin mir ziemlich sicher, dass das Restaurant, wenn es „zum barbarischen Neger“ heißen würde, deutlich weniger Gäste und/oder mehr Kritik und Aufsehen erlangen würde), dass der Begriff über die Jahre seine negative Konnotation verloren hat. Das heißt nicht, dass man ihn nicht auch heute noch je nach Kontext oder Betonung als Beleidigung aufassen könnte. „Du Eimer“ oder „du bist so deutsch“ kann aus ganz neutralen Worten auch jederzeit eine Beleidigung werden lassen.

    • Ann-Kathrin Hohmann

      *Freunde= Freude, also „dann will ich mal die Freude der Rechten sehen“

  4. Felix Würkert

    Nein, nicht alles ist diskriminierend. Wenn man aber auf bestimmte Gruppen, etwa people of colour, grundsätzlich keine Rücksicht nehmen will, dann ist das quasi die Definition von Diskriminierung!

  5. Gut gebrüllt, junger Student!! Und so etwas nennt sich dann „ Wissenschaft“???!! Haben die heutigen Juristen*innen (was soll denn der Sternchen-Quatsch eigentlich – lernt man so etwas heutzutage im Jurastudium??!) in Deutschland keine anderen Sorgen, als sich über so einen pseudo Unsinn zu „beklagen“?!?! Ganz ehrlich, in der heutigen Welt gibt es so viele Probleme, die man einmal anpacken könnte, aber darüber wird der Teppich des Schweigens gehüllt!!! Stattdessen echauffiert man sich künstlich über Probleme, die überhaupt keine sind!!! Typisch!!!! Ihr bewegt Euch ja bereits auf demselben Niveau wie unsere Mainstreammedien!!!

    • Mainstreammedien

      Herr Wilhelm, könnten Sie Ihre peinlichen Ausrufezeichen demnächst bitte einfach in einem der einschlägigen Weltverschwörer*innen- und Rassist*innen-Foren abladen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden. Wofür gibt es diese Gruppen sonst? Da können Sie sich dann für Ihren „pseudo Unsinn“ auch den Expertenstatus abholen, nach dem Sie ja anscheinend so sehr lechzen. Niemand zwingt Sie, sich hier aufzuhalten. Niemand hat aber auch Lust, nach einem solch gut und differenziert geschriebenen Artikel über einen solch tiefsinnigen bemitleidenswerten Kommentar zu stolpern! Überhaupt wundere ich mich, dass Sie Zeit für solch einen Text finden, wo Sie doch gerade wahrscheinlich dabei sind, die vielen großen Probleme in unsere Welt „anzupacken“. Nach diesem Kommentar möchte ich aber lieber nicht wissen, an welche „Probleme“ Sie dabei denken…

  6. Hey Sinthiou, nimm Dir die recht harschen Kritiken der Kommentatoren nicht zu Herzen (sofern mein Appell überhaupt notwendig erscheint ;-))

    Das Aufmerksam-Machen auf Alltagsrassismus, genauso wie alle anderen alltäglichen Verstöße gegen das Recht und auch gegen das Moralempfinden, ist ein stetiger Kampf gegen Windmühlen. Ich finde, dass Du zu diesem Kampf einen sachlichen, nichtpolemischen, beherzten, unbequemen und daher richtig guten Beitrag geleistet hast!

    Liebe Grüße aus Kiel
    Oliver

  7. Tagungsteilnehmer

    Also wenn hier jemand „brüllt“, dann ist das Kurt Wilhelm. Frau Buszewski verwendet im Gegensatz zu Ihnen nicht ein Ausrufezeichen.
    Natürlich gibt es wichtigere, weltbewegende Themen (z.B. die Mobilmachung der Amis mitten in Europa/DE). Aber: Wer sich für die kleinen Probleme zu groß ist, ist für die großen regelmäßig zu klein.

    Liebe Sinthiou, ein super Artikel. Vielen Dank für deinen Mut.

  8. Also ein Nachweis ist nicht erbracht und auch nicht dargelegt: Inwiefern findet denn Diskriminierung statt? Also inwiefern ist denn das Leben eines Afrodeutschen in irgendeiner Weise schlechter dadurch, dass das Wort „Mohr“ existiert. Beleidigungen mit Anknüpfungen an Äußerlichkeiten hat glaube ich jeder schon einmal erlebt – egal ob schwarz, weiß oder kariert – und jeder wird wohl bestätigen können, dass die Wortwahl letztlich egal ist. Also wenn etwas offensichtlich nicht negativ konnotiert sein soll – wieso ist es dann verletzend? Vor allem dann, wenn es noch gar nicht an jemanden gerichtet ist?

    Da fällt doch immer auf, dass die negativste Assotiation mit einem Begriff (egal ob jetzt Mohr, Schwarzer, Mensch mit Behinderung oder das generische Maskulinum) immer bei denjenigen vorherrscht, die nach Diskriminierungen suchen. Der Durchschnittsmensch denkt sich ja auch nicht: „HAHA! Ich hab den Genderstern weggelassen! Nehmt das ihr scheiß Transgender-Assis“ oder?

  9. P.S.: Oder ist es das: „Früher gab es mal krasse Diskriminierung und Verfolgung – und jeder, der das Wort benutzt, distanziert sich nicth ausreichend davon!“

    Ist denn das wirklich nötig? Müsste man nicht eigentlich etwas mehr Selbstbewusstsein haben, um nicht einen Generalverdacht auf Rassismus oder Diskriminierung zu haben und jeder, der sich nicht ausreichend davon distanziert, vom Holocaust und von der Frauenunterdrückung, ist vollautomatisch ein Schuft von dem man sich unterdrückt fühlen muss?

    • Ann-Kathrin Hohmann

      Danke! Das mein ich auch, siehe oben! :) und ich habe garantiert kein Verständnis für Menschen, die anderen Menschen, in welcher Weise auch immer, respektlos gegenübertreten, aber manchmal ist ein bisschen Großzügigkeit und Leichtigkeit im Leben soviel heilsamer für die eigene Seele und nimmt den (sprachlichen) „Angreifern“, wenn es denn überhaupt welche sind und die Aussage tatsächlich rassistisch gemeint war, weil wenn nicht, war sie meiner Meinung nach auch nicht rassistisch, viel eher den Wind aus den Segeln und zeigt auch von charakterlicher Größe. Damit meine ich nicht, dass man stumpf die Augen verschließen soll, aber man sollte sich seine Energie dafür aufbewahren, sich da zu engagieren, wo es wirklich nötig ist, zB dann, wenn der Restaurantbetreiber wirklich ein verkappter Rassist wäre und dies durch den Namen noch zum Ausdruck bringt.

      Ich denke übrigens auch, dass das Kurt Wilhem meinte. Auch, wenn er sich vielleicht ein bisschen unklug echauffiert hat über das Echauffieren der Verfasserin, find ich den Kommentar auf seinen Kommentar nicht gut. Wenn man so einen Blogeintrag wirklich ehrlich verfasst hat, dann will man doch in der Regel aufrütteln und überzeugen und damit dies eine entsprechende Wirkung hat auch gerade, dass auch Andersdenkende diesen lesen. Deshalb finde ich es nicht gut patzig zu reagieren. Aber ja Kurt Wilhelm war auch schon ein bisschen patzig also gebt euch die Hand und hört beide mit den Patzereien auf und diskutiert weiter sachlich 😉

  10. @Meier, zu deiner Frage: „Inwiefern findet denn Diskriminierung statt? Also inwiefern ist denn das Leben eines Afrodeutschen in irgendeiner Weise schlechter dadurch, dass das Wort “Mohr” existiert?“
    Ganz einfach: In der Gastronomie wird mit dem Mohr typischerweise der Diener karikiert. Es gibt unzählige Beispiele, in denen der untertänige Mohr als Sklave, Bediensteter und stummer Untertan herhalten muss. Auch wenn sich heutzutagen diese Bedeutung nicht jedem unmittelbar erschließt, so ist diese Konnotation extremst rassistisch. Sie spielt auf das dunkelste Kapitel der Kolonialzeit an. Für dir doch einfach mal die Bilder auf der im Artikel verlinkten Seite zu Gemüte (http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/Mohren-Stereotyp.htm)
    Ich würde aber nicht untertellen, dass das Hotel auch eine solche Intention hatte.

    • @Michl: Vielen Dank. Ja, genau. Und inwiefern fühlt man sich jetzt als Afrodeutscher davon verletzt, dass es früher die Kolonialisierung gab und man daran erinnert wird?

  11. Vielen vielen Dank an die Autorin und Autorinneninen für diesen sehr gelungenen Text! Diese Begrifflichkeit*innen ist mir schon seit längerem ein Dorn im Auge, aber mir ist es bis jetzt noch nicht gelungen meine Empörung so in Wort*innen zu fassen, wie Sie es geschafft haben.
    Ebenfalls ist mir aufgefallen daas es in der Lokalität*innen „M“ keine Unisextoilett*innen gibt. Es stellt mich immer vor ein Problem zwischen den beiden stillen Örtlichkeiten und Örtlichkeitinnen wählen zu müssen, da würde eine solche Einrichtung leicht Abhilfe schaffen. Letztlich hoffe ich, dass ihre Schilderungen bei „M“ etwas bewirken, allenfalls wäre nur der Klageweg möglich. Ist Ihnen diesbezüglich ein Klageweg bekannt? Leider bin ich kein Expert*innen in der Rechtswissenschaft.
    Mit freundlichen Grüßen

  12. Florian Wilksch

    Sehr guter und wichtiger Beitrag. Herzlichen Dank dafür. Ich glaube, dass hier ganz viel Diskussionsbedarf besteht, der aber viel zu differenziert ist, um ihn in diesem Kommentar auch nur anzureißen. Ich hätte da eine Idee für ein Panel für die nächste Assistent*innen-Tagung.

    Aus manch anderen Kommentaren muss ich allerdings wieder lernen, dass offenbar noch immer der oder die eine die Definitionsmacht darüber zu haben glaubt, wodurch sich der oder die andere diskriminiert fühlen darf. Das müsse wohl das Recht der Mehrheitsgesellschaft sein. Diese bekennenden Nichtjurist*innen unter den Kommentator*innen möchte ich unter den Leser*innen des juwiss-Blog herzlich begrüßen und wünsche viel Durchhaltevermögen bei der weiteren Durchsicht. Sie können hier noch viel über den demokratisch verfassten Rechtsstaats lernen.

  13. Ich finde auch, dass es an der Zeit ist, das Wort „Mohr“ ebenso aus dem Sprachgebrauch zu verabschieden wie das Wort „Neger“ – einfach aus Rücksichtnahme auf diejenigen Mitbürger, die sich von solchen Worten nun einmal verletzt fühlen. Auch wenn Sprache ein träges Instrument ist, ist es schade, dass unsere Gesellschaft in dem Lernprozess hin zu mehr sprachlicher Sensibilität noch nicht weiter vorangeschritten ist.

    Die Autorin muss aber in der Wortwahl m.E. ebenfalls noch dazulernen: Unsensibler Sprachgebrauch ist nicht gleichzusetzen mit Rassismus, nicht einmal mit „Alltagsrassismus“. Immer gleich die Rassismuskeule hervorzuholen, erschwert im praktischen Ergebnis den angesprochenen Lernprozess und erweist der Sache daher keinen guten Dienst.

  14. Ich sehe auch nach Lektüre des Beitrags keine Notwendigkeit dafür, den seit 1495 (in Verbindung mit der Illustration) verwendeten Namen des Hotels zu ändern.

  15. Marc Nichtmehr

    Dem letzten Kommentar möchte ich i.W. beipflichten und als unbefangener Teilnehmer der Assistententagung das Augsburger Organisationsteam ausdrücklich vor jedem Vorwurf von „(Alltags-)Rassismus“ in Schutz nehmen.
    Es ist eine „typisch deutsche“ Unart unserer Besserwisser- und Gutmenschenmentalität (ist das eigentlich eine Form von „Selbst-Rassismus“?), im Nachhinein immer das Haar in der Suppe zu finden und alles natürlich immer besser gewusst und (potentiell) gemacht zu haben. Damit möchte ich nicht das Problem „latent rassistischer Sprachgebrauch“ klein reden, das ganz sicher ernst zu nehmen ist. Mir ist nur die Empörung, derer sich vor allem die ersten Kommentare bedienen, und das damit einhergehende Gefühl, ein guter Mensch zu sein, für zu billige Münze zu haben. Dass angesichts der Mammutaufgabe, die die Organisation der Assistententagung ohne Frage darstellt, „sich niemand im Orga-Team an dem Namen gestört zu haben scheint“, finde ich in diesem Sinne nicht „unglaublich“, sondern halte es aus der konkreten Situation heraus schlicht für menschlich nachvollziehbar (die Frage nach Handlungsalternativen noch nicht einmal gestellt). Ist es nicht gerade das Tückische an latent rassistischen Ausdrücken, so wie sie im Beitrag bemängelt werden, dass man das Rassistische in ihnen nicht auf den ersten Blick erkennt? Im Übrigen war der Veranstaltungsort des Abschlussdinners lange im Voraus bekannt. Mir ist nicht erkennbar, dass es hier im Voraus einen Sturm der Entrüstung – und sei es auch nur einzelner Teilnehmer – gegeben hätte, noch dass dieses Thema in der allgemeinen Aussprache zur Sprache kam. Wer sich jetzt also mit großem Tamtam über das Orga-Team empört, sei an den richtigen Ort und die richtige Zeit dafür verwiesen – und das ist mit Sicherheit nicht vom Schreibtischsessel aus im Nachhinein. Oder mit anderen Worten: Lasst uns – von meiner Seite aus gerne auch im Grundtenor des Beitrags – über das Problem diskutieren, aber lasst die Augsburger da raus!
    Insgesamt denke ich, dass es der Sache gut tun würde, wenn man sie konstruktiver und weniger konfrontativ angehen würde. Auch insofern stimme ich mit dem Vorkommentar voll überein, dass es mitunter recht schwer ist, mit jemandem zielführend zu diskutieren, dem man zuvor dem Stempel „Rassist“ aufgedrückt hat, obwohl sich dieser jemand mit rassistischem Gedankengut im Grunde nicht identifiziert.

    • Marc Nichtmehr

      Nur zur Klarstellung und um Missverständnisse zu vermeiden: Mit meinen affirmativen Äußerungen beziehe ich mich auf den Beitrag von St. Ivo vom 15. März.

  16. derinderinderinderin

    Interessant in diesem Zusammenhang ist meiner Meinung nach der Blick auf München. Dort gibt es zahlreiche Lokalitäten die im wahrsten Sinne des Wortes Gaststätten für NSDAP Treffen oder Kundgebungen waren. Diese Gebäude existieren noch immer, teil unter fremden Namen, teils unter den gleichen wie vor 70 Jahren. Kommt dort allen ernstes jmd auf die Idee, Veranstalter oder ähnliches, würden rechtsradikalen Gedankengut für gut heißen? Wo ziehen Sie da den Schlussstrich?! Wirklich wichtig, dass Jura Studenten oder Volljuristen oder wie auch immer, sich den wesentlichen Problemen unseres Landes widmen und so Ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten. Da wird Ihnen die „diskriminierte“ Gesellschaft dankbar sein! Entschuldigen Sie bitte die Verwendung des Ausrufezeichens, selbstverständlich möchte ich damit niemanden zu nahe treten, ich hoffe ich verletze damit nicht die Gefühle eines anderen Tagungsteilnehmers.
    P. S. Jmd geprüft ob das Essen auch aus biologisch einwandfreier Herkunft war? Nicht dass die Veranstalter noch Massentierhaltung und Tierquälerei im Namen der Wissenschaft unterstützen.

  17. Einen ganz herzlichen Dank und ein großes Lob an Sinthiou Buszewski für ihren Artikel.
    Die Beiträge einiger der Kommentator_innen und auch die offenbar nicht reflektierte Wahl des Hotels unterstreichen nur die Notwendigkeit, Fragen von Alltagsrassismus und diskriminierungsfreiem Sprachgebrauch immer wieder zum Thema zu machen.
    Erstaunlich ist, dass in einigen Kommentaren die Verhältnisse geradezu umgekehrt werden: Angegriffen, gar beleidigt, fühlen sich diejenigen (Mitglieder der „Mehrheitsgesellschaft“) die vermeintlich den Stempel „Rassist“ aufgedrückt bekommen. Dabei verweist die Autorin in ihrem Beitrag doch eindeutig darauf, dass es die Implikationen bestimmter diskriminierender bzw. auch gewaltvoller Begriffe sind, die sich in unsere sozialen Beziehungen einschreiben. Mit einer bewussten Intention der Sprecher_innen muss dies erst einmal gar nichts zu tun haben. Was diese selbstverständlich nicht davon entbindet, diesen Sprachgebrauch kritisch zu hinterfragen.
    Wünschenswert und erforderlich sind noch zahlreiche weitere Auseindersetzungen mit strukturellem Rassismus im deutschen rechtswissenschaftlichen Kontext. Offene Fragen und Ansatzpunkte bieten sich viele. Der konstruktive Blogeintrag der Autorin leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.

  18. Marc Nichtmehr

    Also, bei allem Respekt dafür, dass die Autorin ein wichtiges Thema anspricht und hierzu in der Sache wie ich finde sehr überzeugend Stellung nimmt – einen „wichtigen Beitrag“ zu „strukturellem Rassismus im deutschen rechtswissenschaftlichen Kontext“ kann ich hierin beim allerbesten Willen nicht erkennen. Ich glaube, hier wäre die Kirche dann doch im Dorf zu lassen.

    Darüber hinaus ist es glaube ich nicht zu bestreiten, dass die Bezeichnung „Rassist“ oder auch nur „Alltagsrassist“ eindeutig pejorativ besetzt ist – jedenfalls für jemanden, der sich nicht ausdrücklich mit diesem Gedankengut identifiziert (und das tun glaube ich auch sehr viele, wenn auch nicht alle Mitglieder der „Mehrheitsgesellschaft“ in Deutschland nicht).

    Pejorative in der Sprache zu bekämpfen – und das ist ja eines der berechtigten Anliegen einer „diskriminierungsfreien Sprache“ (übrigens ein viel schönerer, weil neutralerer und andere Leute eben nicht unnötig herabsetzender Begriff) –, indem man seinerseits Pejorative verwendet, ist m.E. weder glücklich, noch zielführend und untergräbt in meinen Augen auch ein ganz klein wenig die eigene moralische Integrität (dies jedoch ebenfalls nicht als subjektiver Vorwurf verstanden).

    Hilfreich wäre es m.E. wie es auch schon in einigen Vorkommentaren angeklungen ist, präzise und auch den sozialwissenschaftlichen Definitionen entsprechend zwischen „diskriminierender Sprache“ und „Alltagsrassismus“ zu unterscheiden. Beider Probleme gilt es sich anzunehmen. Es ist aber nicht automatisch jeder, der sich unbewusst diskriminierender Sprache bedient und erst recht nicht jeder, der insoweit ggf. unreflektiert ein Hotel mit einem sich diskriminierender Sprache bedienenden Namen für die Abschlussveranstaltung einer Assistententagung im Öffentlichen Recht auswählt, ein Alltagsrassist. Hierzu ist das bewusste oder unbewusste Haben von und/oder Handeln nach gruppenbezogenen Stereotypen erforderlich, und das kann ich hier nicht erkennen.

  19. Wie verhält es sich eigentlich – völlig ernst gemeint und nicht pejorativ gegenüber dem Anliegen der Autorin – mit Shakespeares Othello und Mozarts Entführung aus dem Serail? Vom Spielplan nehmen? Umarbeiten? Wie also umgehen mit kulturellen Verarbeitungen des Themas? Und ein Letztes, Kritisches: Die Autorin setzt – subtil, aber doch wohl unzutreffend, für ihren Punkt aber wesentlich – im letzten Absatz ihres Beitrags das Organisationsteam ein als „Sprecher“ einer „(Bild-)Sprache“. Hier geht es aber doch eher um Zurechnungsfragen, wie ein anderer Beitrag ja auch ausführt. Ist selbst zu sprechen und Zurechnen von Sprachzeichen die gleiche Sache?

  20. Marcus Bergmann

    Liebe Sinthiou,

    als ich Deinen Beitrag gelesen habe, fand ich diesen – ganz ehrlich – in Ordnung, berechtigt, aber nicht ganz so wichtig. Nachdem ich die Kommentare dazu gelesen habe, muss ich sagen: Gut, dass Du das geschrieben hast. Es *war* wichtig.

    Ein für mich zentraler Satz aus deinem Blog-Beitrag ist: „(Bild)Sprache kann verletzen, kann exkludieren, kann rassistisch sein, selbst wenn der Sprecher keine rassistischen Motive hat.“

    Ich stimme zu. Wörter können rassistisch sein, ohne dass die Menschen, die sie verwenden, rassistisch sein wollen. Struktureller Rassismus ist daher nicht der Rassismus rassistischer Rassisten. Nach dem Verständnis der Mehrheit ist struktureller Rassismus wahrscheinlich *kein* Rassismus.
    Struktureller Rassismus ist Fahrlässigkeit, Nicht-weiter-Denken. Er hat sich in das allgemeine Denken und Sprechen eingeschlichen, unbemerkt. Er ist Struktur geworden, das macht ihn so tückisch.

    Ich beobachte das an mir auch. Wenn ich es bemerke, versuche ich, es anders zu machen. Und ich verstehe den Blog-Beitrag als Anregung, damit fortzufahren, nicht als Vorwurf.

    Generell kann man vielleicht sagen, dass es diese zwei Möglichkeiten gibt, mit rassistischen Wörtern umzugehen: Man benutzt sie nicht mehr – oder man rechtfertigt sich. Beides geht, beides geschieht. Ich finde das erstere besser.

  21. Marc Nichtmehr

    Ich möchte abschließend noch einmal darauf hinweisen, dass ich im Übrigen der Meinung bin, dass Karthago zerstört werden muss.

    Ach ja, und ich möchte noch einmal, da mir die Sache persönlich zu wichtig ist, eindringlich dazu mahnen, präzise und auch den sozialwissenschaftlichen Definitionen entsprechend zwischen “diskriminierender Sprache” und “Alltagsrassismus” zu unterscheiden.

    Beide Probleme sind ernst zu nehmen, ersteres u.a. deshalb, da diskriminierende Sprache nicht nur die Gefühle Betroffener verletzt, sondern im gegebenen Kontext auch strukturellen Rassismus fördert und verfestigt. Ich kann aber nur nochmals dringend davor warnen, beides völlig undifferenziert in einen Topf zu werfen. Wer das tut, hat vielleicht das tolle Gefühl, ein guter Mensch zu sein (Bitte zynismusfrei verstehen!), trägt aber einerseits nicht zur Sachlichkeit der Diskussion bei und bagatellisiert andererseits letztes Endes sogar das Problem des strukturellen Rassismus – und leistet der Sache damit insgesamt einen Bärendienst. Struktureller Rassismus ist eben nicht nur „Fahrlässigkeit, Nicht-weiter-Denken“, sondern aufgrund struktureller Gründe FALSCH (weil auf Grundlage gruppenbezogener Stereotype) denken und (noch viel schlimmer) handeln.

    Dieser hat eine ganz andere Qualität als ein unreflektierter Sprachgebrauch und ist deshalb auch prioritär zu bekämpfen. Das allein deshalb, da das Projekt “diskriminierungsfreie Sprache” gezwungenermaßen viel zu langfristig angelegt ist, unter anderem deshalb, weil hier emotionale Besetztheit auf Sprecherseite eine viel größere Rolle spielt, als sie in der Diskussion wahrgenommen wird.

    Es ist m.E. auch nicht hilfreich, mit unsinnigen Tautologien wie „rassistischen Rassisten“ zu hantieren. Wer unbewusst oder bewusst strukturell rassistisch denkt oder handelt, hat m.E. den (im Vergleich zum echten Überzeugungsrassisten ja durch die Vorsilbe etwas abgeschwächten) Vorwurf „Alltagsrassist“ (bzw. um auch hier noch größtmögliche Sachlichkeit zu wahren: *alltagsrassistisch Handelnder*) voll und ganz verdient und muss diesen Makel im Diskurs auch bekommen, um notwendige Denkprozesse anzustoßen. Hier mit der impliziten Anerkennung „nicht-rassistischer Rassisten“ goldene Brücken zu bauen, ist kontraproduktiv und wirft die sozialwissenschaftliche Rassismusdefinition im Übrigen vollständig über den Haufen. Man sollte in diesem Sinne auch ganz entschieden darauf beharren, dass – einmal im konkreten als solcher identifiziert – struktureller Rassismus auch “nach dem Verständnis der Mehrheit“ Rassismus sein muss und – insofern bin und bleibe ich in meinem Glauben an unsere im ganz Großen und Ganzen aufgeklärte und tolerante Gesellschaft fest – es auch ist.

  22. Ich kann der Autorin nur beipflichten. Man sollte auch mit kleinen Zeichen ein Statement gegen Alltagsrassismus setzen. Schon seit Jahren veröffentliche ich daher nicht mehr im „Mohr Siebeck Verlag“.

  23. Ich finde Ihren Artikel zwar interessant, teile Ihre Meinung aber nicht. Bei der Verwendung dieser historisch geprägten Terminologien denkt heute kein vernünftiger Mensch an irgendeine Diskriminierung. Die wenigen „rassistisch“ denkenden Menschen (wie auch immer man das definieren möchte) werden ihre Ansichten sicherlich nicht durch einen aufoktroyierten Wortzwang ändern. Es ist bei erwachsenen Menschen doch ähnlich wie bei Kindern: Wenn Sie ihnen mit Verboten eine Denkweise aufzwängen, werden die Adressaten des Verbotes erst recht das Verbotene tun.

    Mein Ratschlag: Soweit sie sich in Alltagssituationen von jemandem diskriminiert fühlen, sprechen Sie ihn darauf an. Vielleicht meint er es nicht so. Ansonsten sind wir ein freies Land, in dem der Staat nur dann Vorschriften machen sollte, wenn es unbedingt erforderlich ist. Unsere Gesellschaft ist zeitlich wie auch mental von der Ideologie des Nationalsozialismus weit entfernt. Dies sollte man auch einmal anerkennen, anstatt jedes Wort auf der Goldwaage auf rassistische Bezüge zu überprüfen. Dies schadet der eigenen Sache mehr, als dass es nutzt.

    Frohe Ostern!