Von Bienen und Menschen

von PHILIPP BENDER

Philipp-DSC_8595-kleiner-Ausschnitt_01 (2)Vor 300 Jahren erschien das Büchlein „Die Bienenfabel“ mit dem programmatischen Untertitel „Private Laster als öffentliche Vorteile“ (The Fable of The Bees: or, Private Vices Publick Benefits) im wirtschaftlich prosperierenden England der Stuart-Königin Anne. Geschrieben wurde es von dem Nervenarzt und Sozialphilosophen Bernard Mandeville.

Der eigentlichen Bienenfabel war 1705 das satirische Gedicht „Der unzufriedene Bienenstock: oder, die ehrlich gewordenen Schurken“ (The Grumbling Hive: or, Knaves turn’d Honest) vorausgegangen, welches Mandeville anonym hatte veröffentlichen lassen. Selbst überrascht von der Resonanz auf seine Knittelverse, erweiterte Mandeville sein Gedicht um eine Vielzahl von philosophischen Anmerkungen und 1714 schließlich erschienen die Neuauflage seiner Verse und die erläuternde Abhandlung. Warum sich aber im Jahr 2014 mit der angestaubten Dichtungsgattung der Fabel beschäftigen? Warum gerade diese 300 Jahre alte Bienenfabel lesen?

Die Bienenfabel als Skandalon

Der Untertitel „Private Laster als öffentliche Vorteile“ bedeutete in Konfrontation mit den sittenstrengen Tugendvorstellungen im damaligen England einen Skandal. Kritiker warfen Mandeville vor, er untergrabe mit seiner Fabel den gesellschaftlichen Anstand und die öffentliche Moral und ermuntere zu einem lasterhaften Leben voller Prunk- und Trunksucht, Völlerei, Eigennutz, Habgier, Stolz, Eitelkeit und Sex. Vor dem Obergericht der Grafschaft Middlesex musste sich Mandeville zu dem Vorwurf erklären, er wolle „alle Ordnung und allen Gehorsam in der Kirche“ umstürzen und das Laster an die Stelle religiöser und sittlicher Tugend setzen. Seine zumeist klerikalen Gegner verstiegen sich zu der Behauptung, an Mandevilles Familiennamen nur die letzten zwei Buchstaben streichen zu müssen, um entdecken zu können, wer hinter der Maske des freigeistigen Bildungsbürgers steckt: „Man-devil“ – der Teufel in Menschengestalt.

Was also schrieb Mandeville Anstößiges in seinen Heftchen? Das englische Königreich seit der Glorious Revolution im Hinterkopf, erzählt Mandeville von einem Bienenstaat, der mächtig und wohlhabend, dessen Gesellschaft jedoch völlig gewissenlos ist. Jeder Einzelne verfolgt nur seine eigenen Interessen und handelt selbstsüchtig und schlechthin a-sozial, wenn nicht gar anti-sozial. Die Reichen schwelgen im Luxus, die Aufsteiger versuchen, den Reichen durch List und Ausbeuterei gleich zu werden und die Armen schuften – ebenso selbst-bezogen – vor sich hin, um am Leben zu bleiben.

Irgendwann kommt es zum Umdenken, als der Göttervater Jupiter ein moralisches Machtwort spricht. Ab sofort leben alle Bienen tugendhaft, also ohne „Laster“, was jedoch zu dem Niedergang des Bienenstaates führt: Da nun alle genügsam, sparsam und nüchtern leben, geht die Wirtschaft zugrunde, denn es werden keine Produkte mehr nachgefragt. Dem „Immer-mehr-haben-Wollen“ haben die Bienen abgeschworen, denn die Mäßigung des individuellen Verlangens ist nunmehr oberster Anspruch an die eigene Tugendhaftigkeit. Doch der Bienenstaat verarmt und haust am Ende völlig verelendet in einem ausgehöhlten Baumstamm.

Die Gesellschaftstheorie in der Bienenfabel

Mit Blick auf die Zeitgenossen ist es verständlich, dass sie an dem Gedanken Anstoß nahmen, welcher in der Ökonomie als „Mandeville-Paradoxon“ bekannt werden sollte: Bestimmte Handlungen, die für sich betrachtet und mit Blick auf das handelnde Individuum als untauglich oder ethisch verwerflich gelten, können für die gesamte Gesellschaft vorteilhaft sein.

Die Selbstliebe des Einzelnen also fördere das Allgemeinwohl, auch wenn sie nur eigenen Interessen folge. So wird die Eigen- oder Selbstliebe zum zentralen Element in Mandevilles Denken. Er steht in der Tradition des französischen epikuräisch-pyrrhonistischen Skeptizismus à la Michel de Montaigne, François de La Rochefoucauld und Pierre Bayle und fragt danach, wie die menschliche Natur in unverfälschter Wirklichkeit ist und nicht, wie sie sein sollte. Jegliches Handeln des Menschen sei ausschließlich Ich-bestimmt und mithin nicht tugendhaft, sondern lasterhaft.

Die Eigenliebe als der natürlichste aller Triebe gerate laufend in Konflikt mit der Tugend, die Mandeville als absolute Selbstverleugnung oder Selbstüberwindung versteht, deren Sinn es ist, die Leidenschaften zu unterdrücken. Die Definition der (reinen) Tugendhaftigkeit fällt bei Mandeville – fast ein wenig Immanuel Kant vorwegnehmend – rigoros aus: Wahrlich tugendhaft könne nur ein Verhalten sein, in dem ein Individuum in keiner Weise seinen Neigungen nachgibt, sondern sich vernunftgemäß stets mit Rücksicht auf die Allgemeinheit entscheidet. Derart „asketisch“ verstanden, fällt das Ergebnis über die Tugendhaftigkeit der Menschen ernüchternd aus, denn im Grunde seien demnach alle „Schurken“, die ihrem egoistischen Streben nachgäben.

In der Rechtfertigungsrede auf den Vorwurf des Obergerichts Middlesex verweist Mandeville auf den wertfreien Untertitel seiner Fabel und er erklärt, „dass die privaten Laster durch das geschickte Vorgehen eines Politikers in öffentliche Vorteile umgewandelt werden können“. So ergebe sich der gesellschaftliche Idealzustand, in welchem „der Allerschlechteste sogar für‘s Allgemeinwohl tätig war“. Er bricht mit dem traditionellen aristotelischen und thomistischen Verständnis vom Gemeinwohl als eines Zustands, in welchem alle Bürger tugendhaft in einem sittlich geordneten Gemeinwesen zusammenleben.

Die Wirtschaftstheorie in der Bienenfabel

Von diesem Gedanken war es nicht mehr weit zu Adam Smiths Theorie der „unsichtbaren Hand“, die den Markt regele und Nationen zu Wohlstand führe, sofern die Menschen ihren individuellen Interessen nachgingen und sich der Staat – und damit auch kollektive Sitten- und Moralvorstellungen – aus der Wirtschaft weitestgehend heraushielten. Der kluge Politiker, der für Mandeville keineswegs in einem libertären Sinne entbehrlich sein kann, ist hiernach derjenige, der Verständnis für die wahre menschliche Natur aufbringen kann und die Eigenliebe der Individuen kanalisiert, ohne menschliches Verhalten regulieren zu wollen.

Nicht zuletzt mit der Rezeption durch Smith und Friedrich-August von Hayek gilt die Bienenfabel als frühkapitalistisches Initialwerk und das Mandeville-Paradoxon als fester Bestandteil klassischer Ökonomie. So lobt von Hayek, dass die Bienenfabel entgegen den konstruktivistischen Rationalisten der damaligen Zeit die spontanen Ordnungen in den Mittelpunkt einer Betrachtung rücke, die soziale Wachstumsprozesse zum wissenschaftlichen Interesse habe. Wachstumsprozesse sind hiernach für Mandeville nicht das Ergebnis eines guten „Designs“, sondern evolutionäre Abläufe.

Insofern kritisiert der Autor der Bienenfabel den puritanisch-calvinistischen Merkantilismus seiner Epoche und dessen Annahme, Reichtum beruhe primär auf Sparsamkeit und Genügsamkeit.

In einem Übergang vom traditionellen Handelsmerkantilismus zu einem fortschrittlicheren Liberalmerkantilismus beschreibt Mandeville den Wandel in der Bedürfnisstruktur der Gesellschaft. An die Stelle der konkret-sinnlichen und damit a limine begrenzten Gebrauchswert-Orientierung tritt die abstrakt-unbegrenzte Tauschwert-/Geld-Orientierung, die ihrerseits conditio sine qua non für die Entstehung von Luxus wird. So wird der an sich lasterhafte Luxus des Individuums der Gesellschaft nützlich, weil er immer neue Bedürfnisse schafft und somit neue Arbeit und Subsistenzmöglichkeiten fördert.

Die Bienenfabel als antitotalitärer Entwurf

Man hat Mandeville vorgeworfen, nicht erläutert zu haben, wann sich ein Staat oder ein Gemeinwesen in einer guten Verfassung befinde, was also der „Endzweck“ sozialen Lebens sei. Die allein auf Prosperität fixierte Betrachtung verwechsle die bedingten Mittel eines sozialen Miteinanders (Geld und Gut) mit dem Endzwecke eines sozialen Lebens.

Es ist indes gerade eine Stärke des Werkes von Mandeville, dem menschlichen Zusammenleben keinen „sozialen Endzweck“ zuzuweisen und so schließlich den Menschen „verzweckenden“, totalitären Ideologien ideengeschichtlich Tür und Tor zu öffnen. Seine Gesellschaftstheorie ist evolutiv-psychologisch und bedeutet eine Absage an konstruktivistisch-rationale Entwürfe, denn die menschliche Vernunft sei stets eine „Sklavin der Leidenschaften“. Die seiner Zeit vorauseilende Hinwendung zum Individuum und seine frühliberalen Deutungen von Gesellschaft und Nationalökonomie zeichnen Bernard Mandeville damit als einen Vordenker der freiheitlichen (Rechts-)Staatstheorie des 18. und 19. Jahrhunderts aus.

Als „Urvater“ der antitotalitären philosophischen Literatur bleibt er auch 300 Jahre nach dem Erscheinen seiner Fabel vom Bienenstaat ein lesenswerter und im besten Sinne „moderner“ Autor.

 

 

 

 

 

 

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