Enrage, educate, empower: ein Bericht aus dem Hexenkessel der Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft 2021

Von PIA LOTTA STORF, LISA CAROLINA SCHMIDT und ALINA FUNK

– oder: How to build your own (critical legal) conference

Die erste Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft fand am 4. und 5. Juni 2021 nach über einem Jahr Vorbereitung digital an der WWU Münster statt. Dieser Beitrag soll nicht nur berichten, sondern auch ermutigen – zu eigenem Verbinden, Planen und Umsetzen. Zu einer Rechtswissenschaft in Studium, Forschung und Praxis, wie Ihr sie Euch wünscht.

Warum so wütend?

Die Sommerakademie entstand, wie wir bereits in einem ersten Blogbeitrag deutlich gemacht haben, weil wir wütend über den Stand der deutschen Rechtswissenschaften waren. Und frustriert. Ehrlich gesagt, wir sind es immer noch.

Wir sind wütend, dass im Studium gesellschaftliche Machtverhältnisse ausgeklammert, als unveränderbare Gesetze zugrunde gelegt und von heteronormativen, ableistischen und rassistischen Normen ausgegangen wird. Wütend, dass uns beim Ankreiden rassistischer oder sexistischer Stereotype noch immer und immer wieder die Rechtfertigungslast zugeschoben wird.

Wir sind frustriert, dass so wenig Menschen aus Arbeiter*innenhaushalten und wenig rassifizierte Menschen Jura studieren. Und viele von uns waren auch frustriert, schon wieder nicht bei der einzigen stetigen Veranstaltung zu feministischer Rechtswissenschaft angenommen worden zu sein, weil der Feministische Juristinnentag (FJT) zu wenig Plätze für Studierende hat.

Wir wollten einen Raum schaffen gegen das Gefühl der Isolation, für Inhalte, die uns interessieren, in einem selbst gewählten Rahmen.

Der Hexenrat

Der Kern unseres Gründungs-Organisationsteams bestand aus Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitenden aus Bonn, Hamburg und Münster. Am neu entstandenen Lehrstuhl von Prof. Nora Markard an der WWU Münster beschloss das Team in einer der ersten Sitzungen Anfang 2020 eine Art “Young FJT” zu organisieren. Dabei war das Vorhaben von Anfang an kein Lehrstuhlprojekt, sondern es war wichtig, in bestehende Netzwerke einzutauchen.

Deswegen hat jede*r Freund*innen und Menschen, mit denen er*sie gern eine solche Veranstaltung organisieren wollte, gefragt. Viele, die zum Schluss im Organisationsteam waren, sind solche Freundes-Freund*innen und einige derer, die sie ursprünglich ins Boot geholt haben, waren bei der Sommerakademie im Juni 2021 nicht mehr dabei.

Von Kritik zu Utopie – und vom Wort in die Tat

Am Anfang des Prozesses war gar nichts klar: wie wir uns nennen wollten, welches Thema wir behandeln wollten, in welchem Format – eine Woche? Ein Wochenende? Müssen wir digital planen? In Präsenz oder hybrid? Mit wie vielen Leuten? Welche Geschlechter?

Im Sommer 2020 hatten wir uns dann entschieden: Es soll eine Sommerakademie werden. Es soll um Intersektionalität, um feministische Kritik und Utopien gehen: Wie kann das Recht halten, was es an Gerechtigkeit verspricht? Es soll um die Verbindung von akademischen und praktischen, aktivistischen und künstlerischen Perspektiven gehen.

Es soll eine Gruppe sein, die groß genug ist, um viele Ideen zusammenzubringen und klein genug, dass sich alle Menschen in den Workshops einbringen können. Die Akademie soll nicht nur studentisch sein. Sie soll gleichermaßen Personen ansprechen, die sich schon lange mit diesen Themen beschäftigen, wie auch solche, die gerade erst damit in Berührung kommen. Und mit Quoten zu Geschlecht, Rassismuserfahrung und Ausbildungsstand soll eine möglichst diverse Gruppe entstehen.

Educate, enrage, empower

Die Workshops gliederten sich in drei thematische Tracks mit den Themen (1) Intersektionale Perspektiven auf Rassismus und Recht; (2) Kritik und Recht; und (3) Utopie und Recht. In jedem Track gab es drei Workshops. Der erste lieferte eine theoretische Einführung, anschließend folgte eine Anwendung des Themas von Forschenden in ihrem jeweiligen Forschungsgebiet und im dritten Workshop zeigten wir mögliche Wege für die eigene Praxis auf.

Wesentlich für feministische Rechtswissenschaft sind Repräsentation und Vorbilder – einige solcher Persönlichkeiten haben wir auf die Akademie eingeladen. Feministische Rechtswissenschaftlerinnen wie Dana-Sophia Valentiner, Elisabeth Kaneza, Leonie Steinl und Theresa Richarz leiteten Workshops zu ihren Forschungsgebieten – in denen sie sich teils auch selbst aktivistisch und praktisch engagieren. Perspektiven aus der Praxis brachten Sanchita Basu (Beratung und Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus), die Aktivist*innen vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung aus Passau und Münster und proFamilia Münster, Rechtsanwältin Lucy Chebout und Josephine Ballon von hate aid e.V. ein. Teile unseres Orga-Teams lasen sich durch feministische Theorie und leiteten einen Lesekreis zu Männergangs. In Track 1 verwandelte unsere Arbeitsgruppe ihre Vorkenntnisse und eigenen Erfahrungen in viele kurze Inputs und Diskussionsräume, um einen Ein- und Überblick in intersektionale Diskriminierung zu geben.

Den Einstieg machte am Freitag die Key Note Speech mit Nora Markard. Auftrag: der Menge einheizen, aufgestaute Wut über die Zustände einsammeln, kollektivieren und die Menschen in die bevorstehenden Veranstaltungen entlassen. Euphorisch startete die Sommerakademie ins Postcolonial Pubquiz und das Getränk danach in der digitalen Kneipe. Schon nach so kurzer Zeit ergaben sich erste Vernetzungen – denn zusammen ist jeder feministische Kampf leichter – und das Orga-Team war schon ganz aus dem Häuschen vor Freude.

Als wäre es eine Präsenztagung gewesen, ging es am Samstag früh nach etwas wenig Schlaf weiter mit einem bunten Angebot von gemeinsamen Yoga- oder Frühstückspausen, einer virtuellen Ausstellungseröffnung mit der feministischen Künstlerin Marleen Rothaus bis hin zu von Organisator*innen und Teilnehmenden selbstorganisierten Gesprächskreisen, z.B. zu profeministischer Hochschullehre und Psyche im Jurastudium bis hin zum Bündnis Versammlungsgesetz NRW.

Das Feedback nach der Akademie zeigt, dass Menschen mit ganz verschiedenen Vorkenntnissen an der Sommerakademie teilgenommen haben. Dadurch unterschied sich auch der Erkenntnisgewinn: für manche war die Akademie ein erster Anlass sich feministisch und kritisch mit Themen wie Antidiskriminierungsrecht, carceral feminism oder Abstammungsrecht zu befassen. Für andere stand die Vertiefung der Themen im Austausch untereinander und mit Expert*innen im Vordergrund. Gerade im dritten Workshop, bei dem es darum ging, eigene Möglichkeiten zur feministischen Praxis zu finden, zeigten sich unterschiedliche Bedürfnisse, die in Kleingruppen aufgefangen werden konnten.

Als Orga-Team ziehen wir den Schluss, dass es vielleicht geholfen hätte, die Referentinnen vor der Veranstaltung mehr untereinander zu vernetzen – gerade die letzten Workshops hätten noch mehr an dem vorangegangenen Input und Erarbeitetes anknüpfen können.

Zurück zur Kritik

Denn wir wollen ja nicht nur das System, sondern auch uns selber kritisch reflektieren. Was also könntet Ihr anders machen?

Auf die digitale Form hatten wir uns schweren Herzens und relativ kurz vor Veranstaltungsbeginn geeinigt. Das sorgte für kurzfristigen und umfangreichen Absprachebedarf mit Förderer:innen und der Univerwaltung; der Finanzplan musste komplett umgestellt werden. Trefft also solche großen Richtungsentscheidungen so früh wie möglich. Immerhin: Dank der ebenfalls digital stattgefundenen Jungen Tagung Öffentliches Recht 2021 konnte unser Rahmenprogramm in einem virtuellen Münster auf gather.town stattfinden. Und so konnten sogar Menschen aus Amsterdam und ganz Deutschland verteilt teilnehmen – so breit gefächert hätten wir es in Präsenz nicht hinbekommen.

Trotz aller Planung und Vorbereitung gingen einzelne Workshops eher am Konzept der Sommerakademie und unseren Wünschen nach Interaktion und Partizipation vorbei. Neben engeren Absprachen mit den Referentinnen, haben wir eventuelle Generationenkonflikte oder das Selbstbild von Praktiker:innen in unsere Überlegungen nicht genügend mit einbezogen.

Rückblickend war das 1,5-Tage-Sommerakademie-Programm voll und manchmal überfordernd. Trotz des dichten Programms mit komplexen und teils bedrückenden Themen meldeten die Teilnehmenden aber vor allem zurück, mit mehr Kraft und der Erkenntnis nicht allein zu sein, aus der Akademie gegangen zu sein. Wir wünschen uns, dass dieses Gefühl feministischer Kollektivität bestehen bleibt und begeistert für eine kritische Rechtswissenschaft in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen.

Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft – Fortsetzung folgt

Die Sommerakademie 2022 befindet sich schon in den Startlöchern. Und wie erhofft haben sich Teilnehmende aus diesem Jahr zusammengetan mit Freund*innen und Kolleg*innen.Die auch wütend und frustriert sind. Die es dabei nicht belassen wollen. Und die mit intersektionaler Brille auf die Zukunft der Rechtswissenschaft blicken und diese mitgestalten werden.

Zitiervorschlag: Pia Lotta Storf, Lisa Carolina Schmidt und Alina Funk, Enrage, educate, empower: ein Bericht aus dem Hexenkessel der Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft 2021, JuWissBlog Nr. 76/2021 v. 20.7.2021, https://www.juwiss.de/76-2021/

, ,
Nächster Beitrag
Werkstattbericht JTÖR 2022: Neun Tipps für ein starkes Exposé!
Vorheriger Beitrag
Service am Montag

Ähnliche Beiträge

Es wurden keine Ergebnisse gefunden, die deinen Suchkriterien entsprechen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü