Weiter wütend: Tagungsbericht der Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft 2022

von MALENA KNIERIM für das Organisationskollektiv Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft

Die Idee einer Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft wurde am Lehrstuhl von Prof Dr. Nora Markard, MA (King’s College London) geboren und 2021 zum ersten Mal als eine Art „Young FJT“ online durchgeführt. Nach der Übergabe an ein gänzlich neues Organisationskollektiv aus Studierenden, Doktorand*innen, Referendar*innen und Berufseinsteiger*innen fand die Sommerakademie in diesem Jahr vom 10. bis 12. Juni in Präsenz am Lehrstuhl von Prof. Dr. Christine Morgenstern an der FU Berlin statt. Damit ist es gelungen, einen neuen feministischen Raum im juristischen Diskurs zu eröffnen.

Gleiches Recht für Alle?!

In diesem Jahr widmete sich die Sommerakademie der Frage „Gleiches Recht für Alle?!“. Wir wollten darüber nachdenken, ob in Bezug auf (Un-)Gleichheit eine Diskrepanz zwischen Recht und Rechtswirklichkeit besteht. Außerdem wollten wir den Gleichheitsbegriff kritisch dekonstruieren, aber dann auch rekonstruieren. Dabei war es uns wichtig, die tatsächlichen gesellschaftlichen Machtverhältnisse miteinzubeziehen und einen intersektionalen Ansatz zu verfolgen.

Nach einem Einführungsvortrag von Prof. Dr. Christine Morgenstern zum Thema „Was ist feministische Strafrechtswissenschaft?“ näherten wir uns dem Thema Gleichheit mit Vorträgen aus drei Tracks an. Themen waren „Intersektionalität und Ungleichheit“ (Track 1), „Ungleichheit in Institutionen des Rechtsstaats“ (Track 2) und „Ungleichheit überwinden – Gleichheit neu denken“ (Track 3).

In Track 1 beschäftigte sich Menina Morenike Ugwuoke von BIJOC Berlin (Hochschulgruppe Black, Indigenous & Jurastudierende of Colour) mit Intersektionalität und Rassismus. Die Rechtsanwältin Dr. Laura Adamietz refererierte über die Abschaffung des Transsexuellengesetzes.

Währenddessen ging es in Track 2 im Vortrag von Ulrike Schultz (Akademische Oberrätin a.D. an der FernUni in Hagen) und Franziska Brachthäuser (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin) um habituelle Strukturen im Hörsaal. Sie stellten die Frage, ob und wie Habitus überwunden werden kann. Navin Mienert und Kaja Deller von JUMEN e.V. erörterten die Ungleichheit im Justizsystem am Beispiel von Sexualstrafverfahren.

In Track 3 gaben Prof. Dr. Nora Markard und Prof. Dr. Anna Katharina Mangold, LL.M. (Cambridge) eine Einführung in verfassungstheoretische Debatten um das Recht gegen Diskriminierung. Besprochen wurden formelles und materielles Gleichheitsverständnis und die Rolle von Antidiskriminierungsrecht in der Demokratie.

Am Sonntag standen drei Workshops zur Auswahl: „Feministisch durchs Studium“ mit Valentina Chiofalo, „Feministische Kanzleiarbeit“ mit der Kanzlei Dunkel + Richter und „Strategische Prozessführung“ mit Rechtsanwältin Lea Beckmann von der Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V.

Mit Thementischen vertreten waren außerdem der Postmigrantische Jurist*innenbund, der Podcast „Mal nach den Rechten schauen“, der Verband multikultureller Jurist*innen und die Open-Access- Initiative OpenRewi.

Kleines Fazit: Bis zu einer gleichberechtigten Gesellschaft ist der Weg noch weit.

Feministisches Mobilisierungsmoment

Wissen und Wissensvermittlung sind männlich dominiert. Das ist auch für den juristischen Bereich belegt. Gerade deshalb war es wohltuend, sich frei von patriarchalen Strukturen zu entfalten. Aufbruch lag in der Luft. Althergebrachte Bahnen wurden verlassen, Denkmuster zerlegt, steile Thesen formuliert.

Wir haben von den Teilnehmenden gehört, wie erleichtert sie waren, dass es sich explizit um einen Raum mit intersektionaler Ausrichtung handelt. Trotzdem wissen wir, dass wir für von Mehrfachdiskriminierung betroffene Menschen keinen Safe Space, sondern nur einen Safer Space bieten konnten und suchen nach Wegen, es im nächsten Jahr besser zu machen.

In Erinnerung bleibt vor allem ein Gefühl feministischer Mobilisierung und Kollektivität.

Das ist ermutigend.

Educate, Empower, Enrage

Es wurde deutlich, dass das Recht einerseits gesellschaftliche Machtverhältnisse abbildet und zementiert, andererseits kann es sie auch aufbrechen. Diese Dialektik zwischen Zwang und emanzipatorischer Wirkung zog sich wie ein roter Faden durch unsere Gespräche.

Auch in unserem Motto „Educate, Empower, Enrage“ steckt das Wort Macht: Empowerment, zu deutsch Ermächtigung.

In ihrem Klassiker „Macht und Gewalt“ schreibt die politische Theoretikerin Hannah Arendt: „Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln und etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und mit ihnen zu handeln.“ (Arendt, Hannah, Macht und Gewalt, 27. Aufl. 2019, S. 45)

Anders formuliert: Bildet Banden! Denkt frei! Dieser Blogbeitrag soll ein Aufruf sein, sich einzubringen. Lasst uns Themen setzen, die sonst zu kurz kommen, und uns gegenseitig unterstützen!

Das Übergabetreffen an ein neues Team für die Sommerakademie 2023 findet vom 26. bis 28. August in Köln statt.

 

Wenn Ihr mitarbeiten wollt, kontaktiert uns gerne:

teilnahme@sommerakademie@gmail.com

Twitter: @AkaRewi

Instagram: @sommerakademiefemrewi

 

Zitiervorschlag: Knierim, Malena, Weiter wütend: Tagungsbericht der Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft 2022, JuWissBlog Nr. 47/2022 v. 02.08.2022, https://www.juwiss.de/47-2022/.

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Antidiskriminierung und Recht, Demokratie, Gleichheit, Intersektionalität, Malena Knierim, Partizipation
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