Werkstattbericht: Bildung und Betreuung von Lerngruppen und Peer-Feedback in der digitalen Lehre

Von VICTORIA BEHRENDT und AMMAR BUSTAMI

Besonders in Pandemiezeiten ist es wichtig, den unmittelbaren und persönlichen Austausch unter den Studierenden zumindest virtuell zu fördern. Dafür stellen gerade in der juristischen Ausbildung studentische Lerngruppen eine sinnvolle Ergänzung zum universitären Lehrprogramm dar. Solche Lerngruppen können auch von Lehrpersonen in ihrer Veranstaltung initiiert und begleitet werden. Wenn man sich für eine solche Einbindung entscheidet, sollte man sich im Vorhinein den Zweck, die Art der Einbindung in das Kurskonzept und die eigene Rolle bewusst machen.

Es sind verschiedene Formen der Umsetzung denkbar; von einer bloßen Initiierung, also der reinen Vermittlung der Kontakte, bis hin zu einer engmaschigen Betreuung und starken Einbindung in den Kurs. In diesem Werkstattbericht wird ein Konzept vorgestellt, das angelehnt ist an die Umsetzung in einer Lehrveranstaltung im Grundstudium mit ca. 25 Teilnehmenden und das die Lerngruppen eher stark einbindet und betreut. In dieser Lehrveranstaltung wurden die Studierenden gebeten, ihre Meinung in Umfragen zum Thema Lerngruppen mitzuteilen. Diese Ergebnisse fließen in den Bericht ebenso mit ein wie die Erkenntnisse aus einer Studierendenbefragung an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg zur digitalen Lehre im Sommersemester 2020. Letztere wurden zudem vom Think Tank Lehre der Fakultät in einem Dokument mit dem Titel „Digitale Lehre in Corona-Zeiten: Denkanstöße und Praxistipps“ zusammengefasst.

I. Bildung von Lerngruppen

Zunächst sollte man sich als Lehrperson überlegen, ob das eigene Konzept eine stetige (inhaltliche) Begleitung der Lerngruppen vorsieht oder ob man sich primär in der Rolle der Vermittlung sieht und sich ansonsten weitgehend aus der Lerngruppengestaltung heraushält (siehe IV.).

Der Lehrperson stellt sich damit zu Beginn die Frage danach, nach welchen Kriterien sie die Lerngruppen bildet. Da sich thematische Gruppen in juristischen Standard-Veranstaltungen selten anbieten, kann die Einteilung von Gruppen nach Zeitslots sinnvoll sein. So kann jede*r Studierende danach wählen, wann sie*er zeitlich verfügbar für synchrone Treffen mit der Lerngruppe wäre. Zwar sind die Studierenden einer Lerngruppe nicht verpflichtet, sich auch wirklich zu diesen Zeiten (virtuell) zu treffen, so besteht aber zumindest schon eine gemeinsame Termingrundlage.

Als wichtig hat sich herausgestellt, den Studierenden nach Zuteilung zu den Lerngruppen die Gelegenheit in einem synchronen Veranstaltungstermin zu geben, ihre Gruppenmitglieder kennenzulernen, Kontaktdaten auszutauschen und ggf. erste Vereinbarungen zu treffen. Dabei kann sich in den Anfangswochen herausstellen, dass noch Bedarf für Termin- oder Gruppenwechsel besteht. Auch hierfür sollte der Raum in der Veranstaltung geschaffen werden. Letztlich müssen sich die Studierenden überlegen, ob und in welcher Intensität sie die Lerngruppe nutzen wollen, was natürlich nicht zuletzt auch von privaten Faktoren abhängt.
Zur Gruppeneinteilung wurde in unserer Testgruppe eine entsprechende Funktion der Universitäts-Lernplattform genutzt, doch genauso würden sich auch andere Methoden (E-Mail, Umfrage-Tools etc.) eignen. Die Lernplattform bot zudem die Möglichkeit, jeder Lerngruppe einen eigenen Gruppenraum einzurichten (mit Ordnersystem, Forum, Chat etc.). Dieser konnte von uns zum einen zur Kontaktaufnahme mit einzelnen Gruppen genutzt werden. Zum anderen konnten die Studierenden dort selbst untereinander Kontakt aufnehmen, Unterlagen austauschen etc. Während aus unserer Lehrveranstaltung zurückgemeldet wurde, dass die Initiative zur Bildung der Lerngruppen über die Plattform sowie die Gruppengröße (2-3 Personen) gut waren, stellte sich in der Praxis heraus, dass die Studierenden im Anschluss an die Gruppenbildung eigene Kommunikationswege (außerhalb der Lernplattform) nutzten, sodass das Lerngruppenkonzept auch problemlos ohne Lernplattform umsetzbar wäre.

II. Inhalte für die Lerngruppen

Wie genau die veranstaltungsbegleitenden Lerngruppen funktionieren und arbeiten, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Inhaltlich kann man als Lehrperson Anhaltspunkte geben, wie die Lerngruppenarbeit gestaltet werden kann. Anregungen mit Veranstaltungsbezug wären beispielsweise die gemeinsame Vor- und Nachbereitung der Veranstaltung, die Klärung offengebliebener Fragen, die Diskussion von Veranstaltungsinhalten sowie der Austausch von Peer-Feedback (siehe III.). Aber auch über den Veranstaltungskontext hinaus kann man die Studierenden dazu motivieren untereinander zusätzliche Inhalte und Übungen (z.B. Übungsfälle) zu besprechen, gemeinsam zu wiederholen, aber auch sich zum veranstaltungsübergreifenden Austausch zu verabreden. Bestenfalls entwickelt sich aus einer Veranstaltungs-Lerngruppe eine nachhaltige Gruppengemeinschaft für das weitere Studium.

In unserer Testgruppe wurden die Lerngruppen vor allem zur Klärung offengebliebener Fragen sowie zur Vor- und Nachbereitung der Veranstaltung genutzt. Doch es fand darüber hinaus auch ein Austausch über andere Veranstaltungen und zusätzliche Inhalte statt. Die meisten Studierenden gaben zudem an, dass die Lerngruppen ihnen den Kontakt zu anderen Kommiliton*innen ermöglichten, den sie sonst im digitalen Semester nicht gehabt hätten. Dabei nutzten die aktiven Lerngruppen vorrangig synchrone Austauschformate wie Videokonferenzen.

III. Peer-Feedback

Besonders gut lässt sich in veranstaltungsbegleitenden Lerngruppen zudem der Austausch von Peer-Feedback unter Studierenden (z.B. zu Gutachtenlösungen) organisieren. Ein solches Peer-Feedback bringt den Studierenden früh im Studium nahe, dass Lernen und Fallübung auch sehr gut im gemeinsamen Austausch stattfinden kann; sie erlernen bestenfalls einen fehlerfreundlichen Umgang mit dem Prozess des Lernens und zudem auch die wichtige Kompetenz, konstruktives Feedback zu geben. Nicht zuletzt hat ein gut durchdachtes Konzept den Vorteil, die Lehrperson selbst zu entlasten, da weniger Gutachten selbst zu korrigieren sind.

Wichtig ist es dabei allerdings, die Studierenden gerade zu Beginn an die Hand zu nehmen und ihnen zu erklären, was ein gutes Peer-Feedback ausmacht. Dazu kann eine schriftliche Anleitung dienen, möglicherweise ergänzt um einen Feedback-Notizbogen zum Ausfüllen für die Studierenden untereinander, oder auch eine gemeinsame Besprechung von Feedback-Regeln in der Lehrveranstaltung. Zur Veranschaulichung von hilfreichem Feedback eignet sich auch die Live-Korrektur eines Übungsgutachtens mit Bildschirmfreigabe durch die Lehrperson.

In unserer Testgruppe wiederum wurde das Angebot zum Peer-Feedback von den Studierenden nur vereinzelt angenommen. Mehr als die Hälfte gab an, kein einziges Peer-Feedback durchgeführt zu haben, doch immerhin eine Lerngruppe hatte das Format auch über die in der Lehrveranstaltung vorgegebenen Gelegenheiten hinaus angewandt. Als Gründe für die zurückhaltende Nutzung wurde einerseits die knappe Zeit im laufenden Semester oder auch fehlender Bedarf angegeben. Andererseits lag es vereinzelt auch an unterschiedlich stark motivierten Mitgliedern in einer Lerngruppe. Allgemein stieg die Anzahl der Peer-Feedback-Versuche jedoch im Laufe des Semesters an. In einem Austauschgespräch stimmten einzelne Teilnehmer*innen zu, dass sie sich die Nutzung eines Peer-Feedback-Konzepts im zukünftigen Studium vorstellen könnten, auch wenn dies im laufenden Semester nicht funktioniert hatte.

IV. Einbindung und Betreuung der Lerngruppen

Die Möglichkeiten der Einbindung von Lerngruppen in die Lehrveranstaltung sind vielfältig, sollten jedoch zum Kurskonzept passen. Eine niedrigschwellige Form der Betreuung ist das regelmäßige Erkundigen nach den Lerngruppen-Aktivitäten. Vor allem bei ansonsten geringer Einbindung kann dies helfen, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Darüber hinaus ist eine einfache und für alle Teilnehmenden nützliche Möglichkeit, die Lerngruppen im Rotationssystem für die Wiederholung der letzten Kurseinheit einzuplanen. Zur Unterstützung können Leitfragen (z.B. „Was haben wir (Neues) gelernt?“, „Welche Fragen sind offengeblieben?“) an die Hand gegeben werden. In fallbasierten Lehrveranstaltungen kann die jeweilige Lerngruppe außerdem eine kurze Zusammenfassung des zu besprechenden Sachverhalts liefern.
Falls „Hausaufgaben“ oder andere Arbeitsaufträge im Kurskonzept inbegriffen sind, kann man diese in den Lerngruppen bearbeiten lassen. So erleben die Studierenden idealerweise den Mehrwert von Gruppenarbeit im Kurs. Abschließend ist zum Thema Betreuung die Idee einer Lerngruppen-Sprechstunde nennenswert, in der methodische und organisatorische Fragen an die Lehrperson gestellt werden können.

Die Umfrage in unserer Testgruppe hat ergeben, dass die Lerngruppen sehr positiv wahrgenommen wurden und ihre Einbindung auch einen inhaltlichen Mehrwert hatte. Als wichtig wurden dabei die gut kommunizierten Arbeitsaufträge empfunden. Die intensivere Einbindung sagte den Studierenden sehr zu und unsere Erfahrung zeigt, dass eine weniger starke Betreuung schnell dazu führen kann, dass die Lerngruppen in Vergessenheit geraten.

Insgesamt bietet der Einsatz von Lerngruppen in der Lehrveranstaltung daher zahlreiche Vorteile. Man tut nicht nur den Studierenden einen Gefallen, sondern kann die Lerngruppen auch auf eine Art einbinden, dass sie die Lehrperson entlasten, indem Aufgaben delegiert werden. Im besten Fall können die Studierenden dadurch auch langfristig für gemeinsames Arbeiten im Jurastudium motiviert werden. Die positiven Effekte können also vielfältig und nachhaltig sein und kommen insbesondere im Rahmen digitaler Lehre zum Vorschein.

 

Zitiervorschlag: Victoria Behrendt und Ammar Bustami, Werkstattbericht: Bildung und Betreuung von Lerngruppen und Peer-Feedback in der digitalen Lehre,  JuWissBlog Nr. 18/2021 v. 18.02.2021, https://www.juwiss.de/18-2021/.

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