Drei Fragen an Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio, Richter des Bundesverfassungsgerichts a. D.

von JUWISS-REDAKTION

Prof_Udo_Di_FabioDer Auftakt hätte fulminanter kaum sein können. Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio formulierte am Eröffnungsabend der 54. Assistententagung Öffentliches Recht ein flammendes Plädoyer für einen starken Nationalstaat in einem vereinten Europa. Der Richter am Bundesverfassungsgericht a.D. schrieb der jungen Wissenschaft zukunftsweisende Fragen und Mut zu Meinungen abseits des Mainstreams auf die Agenda. Der JuWissBlog dreht den Spieß um – und stellt Udo Di Fabio einige Fragen.

JuWissBlog: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an das Thema der diesjährigen Assistententagung „L’État, c’est quoi? Staatsgewalt im Wandel“ denken? Worin liegen Ihres Erachtens die größten Herausforderungen für die heutige Staatsgewalt?

Di Fabio: Das Thema ist gut gewählt. Die Staatenwelt verändert sich rasant. Nach dem Mauerfall schienen die marktwirtschaftlichen Demokratien des Westens unglaublich stark und konkurrenzlos. Heute leidet der Westen unter den Folgen der Weltfinanzkrise und der europäischen Schuldenkrise. Die Staaten Europas verlieren Bindekräfte und stoßen mit ihrer Politik der offenen Grenzen und der Übertragung von Kompetenzen auf die supranationale EU auf einen nicht unerheblichen Widerstand. Marktwirtschaft, offener Handel und europäische Integration sind nicht mehr so selbstverständlich, das komplizierte System überstaatlicher Herrschaft wird nicht immer richtig verstanden und dargestellt.

JuWissBlog: Welche Themen, welche methodischen Herausforderungen sollten sich die auf der Assistententagung versammelten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Öffentlichen Rechts zuwenden?

Di Fabio: Die Themen stehen schon auf der Agenda der Tagung. Ein moderner Souveränitätsbegriff, Staatsangehörigkeit, die Verfassungsbindung überstaatlicher Herrschaft, Territorialitätsprinzip, Budgethoheit und neue Formen der Kriegsführung sind spannende Forschungsbereiche. Methodisch wird man fragen müssen, wie die klassische Rechtsanwendung mit einer juristisch selbst verantworteten Theorie verbunden wird. Eine solche Theorie modernerer Staatsgewalt sollte nicht so sehr den üblichen Anforderungen eines pragmatischen Funktionalismus gehorchen, sondern die normative Grundidee freiheitlicher und demokratischer Verfassungen im Gestaltwandel politischer Herrschaft wirksam halten.

JuWissBlog: Gibt es etwas, das die heutige Generation von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der Ihrigen grundlegend unterscheidet?

Di Fabio: Junge Wissenschaftler sind heute wesentlich trittsicherer auf dem internationalen Parkett – ein großer Vorteil. Ein weiterer Vorzug liegt in einer angenehm unideologischen und pragmatischen Grundhaltung, die hier und da vielleicht auch unpolitisch wirkt. Mir fehlen aber manchmal die Bereitschaft zur kritischen Reflexion der Welt und der intellektuelle Habitus, die Welt mit den eigenen Augen und Fragen zu durchdringen und in einem originellen System neu zu interpretieren. Ist man in den international geöffneten Netzwerken womöglich zu konformistisch?

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