von ÇIĞDEM İLERI KÖKSAL und GÖKÇE UZAR SCHÜLLER

Deutschland ist einer der wichtigsten Abnehmer türkischer Exporte, die Türkei zugleich ein zentraler Zulieferer der deutschen Industrie. Seit Januar 2023 verändert das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) diese engen Handelsbeziehungen grundlegend: Es verpflichtet deutsche Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltstandards entlang ihrer gesamten Lieferkette – mit spürbaren Folgen für Akteure in beiden Ländern.

Während viele Unternehmer das Gesetz zunächst als zusätzliche Belastung empfinden, steckt darin zugleich ein Katalysator für eine nachhaltige Modernisierung von Branchen und neue Formen der Zusammenarbeit.

Das LkSG gilt seit 2024 für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten – damit sind nahezu alle großen deutschen Importeure türkischer Waren erfasst. Verstöße werden mit hohen Bußgeldern (bis zu 2 % des globalen Umsatzes), Reputationsverlusten und einem Ausschluss von öffentlichen Aufträgen geahndet; die Aufsicht führt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Sogar Gewerkschaften oder NGOs können vor deutschen Gerichten im Namen von Betroffenen klagen.

Im Kern spiegelt das LkSG einen globalen Trend wider: Aus freiwilligen Leitlinien zu Umwelt (Environment), Sozialem (Social) und guter Unternehmensführung (Governance) – kurz ESG – werden weltweit verbindliche Vorgaben. Während die EU eine eigene Regelung vorbereitet (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD), fungiert das deutsche Gesetz als Vorreiter und Signal, dass nachhaltige Wertschöpfung kein „Nice-to-have“ mehr ist, sondern zur rechtlichen Pflicht wird. Für die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen markiert dies einen Wendepunkt. Türkische Zulieferer müssen nun umfassende Compliance-Anforderungen erfüllen, um ihre deutschen Kunden nicht zu verlieren – gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten für eine vertiefte Partnerschaft, basierend auf Transparenz, Nachhaltigkeit und Vertrauen. Im Folgenden wird beleuchtet, wie die Türkei einerseits unter erheblichem Anpassungsdruck steht, andererseits aber durch Kooperation und Transformation Vorteile aus den neuen Regeln ziehen kann.

Rolle der Türkei

Die Türkei nimmt als Handelspartner Deutschlands eine Schlüsselstellung ein. Deutschland war lange der größte Abnehmer türkischer Waren, und entsprechend sind eng verflochtene Liefernetzwerke entstanden. Zahlreiche deutsche Unternehmen sind in der Türkei aktiv; umgekehrt haben auch viele türkische Firmen in Deutschland investiert. Änderungen im deutschen Recht strahlen daher direkt auf türkische Fabriken aus: Wenn deutsche Abnehmer ESG‑Nachweise verlangen, müssen türkische Zulieferer nachziehen.

Historisch profitierte die Türkei von ihrer Nähe zu Europa. Seit der Zollunion von 1996 erleichtert die EU‑Türkei‑Zollunion den Warenverkehr. Viele türkische Branchen haben europäische Standards teilweise übernommen. Die Türkei ist aber kein EU‑Mitglied und unterliegt daher nicht automatisch neuen EU‑Vorgaben. Das LkSG wirkt nun wie ein externer Druck: Deutsche Unternehmen verlangen Nachweise für Arbeits‑ und Umweltschutz, die über das bisher Übliche hinausgehen. Türkische Exporteure stehen vor der Aufgabe, diesen Erwartungen nachzukommen, um den Marktzugang zu sichern – und genau hierin liegt die Chance, sich langfristig als Premium‑Partner zu positionieren, wenn die Standards erfüllt werden.

Kulturelle und organisatorische Transformation

Das LkSG erzwingt einen kulturellen Wandel. Traditionell basieren Geschäftsbeziehungen – vor allem im Mittelstand – auf persönlichem Vertrauen und informellen Absprachen. Nun verlangt das Gesetz Dokumentation und proaktives Risikomanagement. Dieser präventive Ansatz steht im Kontrast zum bisher üblichen reaktiven Stil. Zudem müssen viele Betriebe erstmals standardisierte Prozesse einführen, sei es bei Arbeitssicherheit oder bei Audits entlang der Zulieferkette.

Führungskräfte müssen klare Prioritäten setzen und mit gutem Beispiel vorangehen, damit neue Anforderungen im Unternehmen ernst genommen und umgesetzt werden. Auf Dauer kann dies dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. – Unternehmen mit transparenten Prozessen genießen international höheres Ansehen. Kurzfristig erfordert der Umbruch jedoch Aufwand in Form von Schulungen, Überzeugungsarbeit und organisatorischer Neuaufstellung. Langfristig fördert dies jedoch eine nachhaltige Unternehmenskultur und stärkt das internationale Vertrauen in türkische Lieferanten.

Kosten und Verteilung

Die Erfüllung der neuen Sorgfaltspflichten ist kostspielig – vor allem für kleine und mittlere Zulieferer. Viele Betriebe müssen erstmals in Compliance-Systeme investieren: in Software, Dokumentation und geschultes Personal. Externe Audits und Zertifizierungen können schnell fünfstellige Summen kosten, die kleine Firmen kaum aufbringen können. Zudem fehlt es vielen an Wissen und Erfahrung für die ESG-Umsetzung, was Abhängigkeit von teurer externer Beratung schafft.

Die angespannte Wirtschaftslage mit Inflation und hohen Energiekosten verschärft das Problem zusätzlich. Nachhaltigkeitsinvestitionen treffen also auf ohnehin schmale Margen. Größere Unternehmen können diese Kosten eher schultern und sich so Vorteile sichern, während kleinere Anbieter ins Hintertreffen geraten oder sich größeren anschließen.

Zugleich bleibt der Preisdruck hoch – viele deutsche Abnehmer sind nicht bereit, für nachhaltigere Produkte mehr zu zahlen. ESG-Maßnahmen können die Produktionskosten jedoch um 2–8 % erhöhen. Diese Mehrkosten müssen fair entlang der Lieferkette verteilt werden, etwa durch langfristige Kooperationen. Wer Nachhaltigkeit nur als Last sieht, riskiert Geschäftsbeziehungen; wer als Zulieferer investiert, kann mittelfristig von verlässlicheren Partnern und besserem Marktzugang profitieren.

Kooperation als Schlüssel

Anstatt bei Verstößen sofort Zulieferer auszutauschen, setzen immer mehr deutsche Unternehmen auf Kooperation. Dazu gehören Know-how-Transfer, Schulungen und finanzielle Unterstützung für die Lieferanten.

Auch Verbände und Staat ziehen an einem Strang. Türkische Wirtschaftsverbände wie TÜSİAD und DEİK beraten Firmen bei der ESG-Compliance, und die Regierung in Ankara fördert grüne Technologien sowie bessere Arbeitsbedingungen (etwa mit dem Textilprogramm „Turquality“ für Nachhaltigkeitszertifikate). Diese kooperativen Modelle zeigen, dass ESG-Standards eine gemeinsame Aufgabe sind und zugleich die Basis für neue Partnerschaften bilden können. Die deutsche Seite – Bundesregierung und Auslandshandelskammern – unterstützt Importeure bei der Erfüllung ihrer Pflichten. All dies zeigt: ESG-Standards sind keine einseitige Auflage mehr, sondern eine gemeinsame Aufgabe.

Liefernetzwerk-Governance

Das LkSG verändert die Governance ganzer Liefernetzwerke. Wo früher kurzfristige, preisgetriebene Entscheidungen dominierten, zählen nun Transparenz und Verlässlichkeit. Viele Unternehmen restrukturieren ihre Wertschöpfungsketten, vertikal integrieren kritische Schritte oder setzen Kooperativen ein, um Standards effizient umzusetzen. Mittelfristig modernisiert dies ganze Branchen. Technologie wird zum Rückgrat: Blockchain‑Tracking und KI‑Tools ermöglichen präzise Überwachung und Rückverfolgbarkeit, wodurch geografisch verstreute Netzwerke besser steuerbar werden. Diese Modernisierung erhöht langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Türkei und fördert eine nachhaltige Integration in den europäischen Wirtschaftsraum.

Fazit

Das LkSG markiert einen Wendepunkt in den deutsch‑türkischen Wirtschaftsbeziehungen. Es stellt türkische Zulieferer vor große Herausforderungen, wirkt aber auch als Katalysator für Innovation und Partnerschaft. Entscheidender Faktor ist, ob die Beteiligten Nachhaltigkeit als Pflicht oder Chance begreifen. Die Balance zwischen Belastung und Chance ist entscheidend – richtige Anpassung kann Wettbewerbsvorteile schaffen. Wer nur die Bürokratie sieht, riskiert Lieferschwierigkeiten; wer auf ESG‑Compliance setzt, wird mit besserer Reputation und stabileren Geschäftsbeziehungen belohnt. Trotz aller Mühen kann die Türkei von der Transformation profitieren, wenn sie sich tiefer in europäische Wertschöpfungsketten integriert und als verlässlicher Partner auftritt. So können aus anfänglichem Anpassungsdruck langfristig vertiefte, zukunftsfähige Partnerschaften entstehen, die wirtschaftlichen Erfolg und verantwortungsvolles Handeln miteinander verbinden.

* Dieser Text beruht auf eigenen Recherchen, die in einem wissenschaftlichen Beitrag, veröffentlicht in der Zeitschrift ZASA (01/2026), vertieft dargestellt wurden.

 

Zitiervorschlag: İleri Köksal, Çiğdem/Uzar Schüller, Gökçe, Sorgfalt statt Sanktion, JuWissBlog Nr. 20/2026 v. 25.02.2026, https://www.juwiss.de/20-2026/.

Dieses Werk ist unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 lizenziert.

ESG, Lieferkettengesetz, Nachhaltigkeit, Türkei, Wirtschaftsbeziehungen
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