Kooperatives Lehren im Ausnahmezustand

Von MAXIMILIAN PETRAS

Der COVID-19-Ausnahmezustand hat eine (nahezu) agile Universität hervorgebracht: Innerhalb kürzester Zeit mussten wir neue digitale Lehrkonzepte entwerfen. Angesichts des aufziehenden digitalen Wintersemesters ist die Frage, was sich bewährt hat. Haben wir nur die Technik ausgetauscht oder gibt es das Potential für eine grundlegende Transformation?

Veränderungen fassbar machen

Um zu analysieren, ob und wie die Lehre im öffentlichen Recht verändert worden ist, bietet sich für einen ersten Zugang das SAMR-Modell von Dr. Ruben Puentedura an. Er fragt, wie digitale Technik vorherige rein analoge Lehrweisen ersetzen (Subsitution – Stufe 1), erweitern (Augmentation – Stufe 2), verändern (Modification – Stufe 3) oder gar neu definieren kann (Redefinition – Stufe 4).

© „English: Explanation of the SAMR Model“ von Lefflerd. Lizenziert unter CC BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons – https://bit.ly/3l4jemI

Auf der dritten und vierten Stufe ist die ursprüngliche Lehre durch die digitale Technik eine andere geworden, während auf den ersten beiden Stufen lediglich einzelne Elemente ausgetauscht werden. Natürlich wurde das SAMR-Modell eher für eine analoge Lehre entwickelt, in der schrittweise einzelne digitale Methoden ergänzend eingeführt werden. Die Auswirkungen von COVID-19 waren weitaus radikaler, so dass SAMR nur eine erste Orientierung bietet, die durch umfassende Evaluationen und eure Kommentare unter diesem Artikel ergänzt werden sollte.

Raketenstart in die digitale Lehre

Am Anfang des Sommersemesters stellte sich uns allen die drängende Frage, welche Methoden und Tools wir wählen. Viele hatten bereits fertige Fälle, PPT-Folien und konnten auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz vergangener Semester zurückgreifen. Die Übertragung dieses Wissens in digitale Formen ist jedoch alles andere als trivial, weil sich die Dynamik eines Seminars in einem physischen Raum über Videokonferenzen nicht einfach reproduzieren lässt. Eine reine Ersetzung der analogen Lehre war folglich keine Option. Wie weit die eingesetzte Technik die Art der Lehre konkret modifizierte, hing stark von der gewählten Methode ab. Hier wurden vertonte Powerpoint-Folien, aufgezeichnete Videos zur Fallbesprechung, Multiple-Choice Tests oder Live-Besprechungen per Videokonferenz vielfältig kombiniert.

Eine Grundfrage war, ob die Lehre synchron oder asynchron sein sollte. Synchrones Lernen beinhaltet eine gleichzeitige Anwesenheit von Lehrenden und Studierenden, während asynchrones Lehren zeitunabhängig und flexibel ist. Sowohl in meiner AG als auch in anderen Universitäten schienen synchrone Live-Besprechungen von Fällen beliebt zu sein. Die Lehrenden konnten auf ihre bereits erstellten Fälle zurückgreifen. Die Studierenden konnten direkt Fragen stellen, diskutieren und hatten einen gewohnten festen AG-Termin, der ihre Woche ein wenig strukturierte.

Der Teufel steckte hier im Detail. Schon bei der Auswahl des richtigen Tools standen viele vor der Frage, ob das datenschutzrechtlich und sicherheitstechnisch fragwürdige Start-Up Zoom benutzt werden sollte. Die Universität Kiel hatte zum Glück eine eigene Instanz der Open Source Software BigBlueButton aufgesetzt, die im Betrieb mit kleinen Gruppen von bis zu 30 Teilnehmenden problemlos funktionierte. Als die Technik endlich lief und die Fälle besprochen werden konnten, redeten viele von uns in einen schwarzen Raum ohne Gesichter. Die Webcam wurde von meinen Studierenden gar nicht angeschaltet und das Mikrophon nur sehr vereinzelt. Dafür wurde der Chat intensiv genutzt. Erfolgreich waren auch kleinere Experimente mit dem Multi-User Whiteboard, auf dem die Studierenden gleichzeitig die richtigen Antworten markieren konnten. Kleinere Live-Umfragen zu inhaltlichen Fragen wurden verlässlich ausgefüllt. Sehr geschätzt war die Möglichkeit, Kleingruppenräume zu öffnen, in denen sich die Studierenden in Ruhe austauschen konnten. Alles Arbeitsweisen, die nur noch entfernt an einen physischen AG-Raum erinnern.

Die Stärken des digitalen Lernens

Häufig war die Wahl der synchronen Videokonferenzen dem Zeitdruck am Beginn des Semesters geschuldet. In einem Team von vier wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen haben wir deshalb gemeinsam für die ersten zwei AG-Wochen asynchrone Lehrangebote erstellt.

Zu Beginn der AG verzichteten wir auf Live-Besprechungen und haben stattdessen Videos zu den Basics der Grundrechtsprüfung in unserer Lernplattform OpenOLAT hochgeladen. Die Studierenden konnten ihr Wissen danach mit Multiple-Choice- oder Freitext-Tests überprüfen. Hier entstand etwas Neues (genau, Stufe 4), das mehr an Wissensvermittlung aus Vorlesungen erinnerte, aber das Wissen stark komprimierte. Laut meiner Kurs-Evaluation schien schon dieses freiwillige Angebot einen diffusen Druck zu erzeugen, bereits zu Beginn des Semesters innerhalb der Fristen alle Tests erfolgreich zu absolvieren. Dennoch waren die meisten Teilnehmer:innen dankbar, die wichtigsten Inhalte in einer personalisierten Form zu bekommen, wie es in einer normalen AG nicht möglich gewesen wäre.

Bis zum Ende der AG gab es neben Live-Besprechungen bei mir jede Woche eine Gruppenarbeit, in der die jeweilige Gruppe eine Skizze ihrer Falllösung gemeinsam innerhalb unserer Lernplattform OpenOLAT erstellen sollte. Auf diese Skizze habe ich mich dann während der Besprechung bezogen. Die Zusammensetzung der Kleingruppenräume während der Live-Besprechungen orientierte sich ebenfalls an der Gruppenarbeit, um zwischen den Studierenden Vertrauen aufzubauen. Vereinzelt kam hier die Rückmeldung, dass eine Durchmischung der Gruppen angenehmer gewesen wäre.

Noch tiefgreifender als die neuen hybriden AG-Formate waren die Ankündigungen, Open-Book-Klausuren zu schreiben. Auf einmal treten Definitionen und Schemata in den Hintergrund. Es zählen die Auswertung des Sachverhaltes und eine eigene Argumentation. Wenn das eine dauerhafte Folge des letzten Semesters wäre, stünden wir spätestens jetzt auf den letzten beiden Stufen des SAMR-Modells.

Wissen wächst, wenn es geteilt wird

Die Hinwendung zur digitalen Lehre schafft nicht nur neue Herausforderungen, sondern auch neue Möglichkeiten zur Kooperation zwischen Lehrenden. Lernformate und einzelne Materialien können digital leicht gemeinsam entwickelt und geteilt werden, wenn sie als Open Educational Ressources erstellt werden. Deswegen baue ich mit anderen Interessierten ein Projekt auf, das nach dem Vorbild von Nikolas Eisentraut frei zugängliche Materialien in einer interaktiven Community erstellen möchte. Eine erste Projektskizze gibt es unter diesem Link.

Wenn Du dir vorstellen kannst, dabei zu sein, kontaktiere mich gerne.

 

Zitiervorschlag: Maximilian Petras, Kooperatives Lehren im Ausnahmezustand, JuWissBlog Nr. 109/2020 v. 20.8.2020, https://www.juwiss.de/109-2020/

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