von VALENTINA CHIOFALO, JASCHAR KOHAL, LOUISA LINKE (OpenRewi Staatsorganisationsrechts-Team)

Erst kürzlich hat der Deutsche Wissenschaftsrat gefordert, dass Open Access bei wissenschaftlichen Publikationen zum Standard gemacht werden soll. Er hat in einer späteren Veröffentlichung zudem die Vorteile von Open Educational Resources betont. OpenRewi setzt Open Access nicht nur bei klassisch-wissenschaftlichen Publikationen um, sondern will in gleichem Maße die juristische Ausbildungsliteratur umgestalten. Das neu erschienene Open Access-Lehrbuch zum Staatsorganisationsrecht gibt Anlass zur Selbstreflexion.

Wir, der OpenRewi-Verein, fühlen uns der Förderung von Open Access-Veröffentlichungen verpflichtet. Einigen dürften wir bereits bekannt sein, so haben Maximilian Petras und Dr. Dana Valentiner bereits in einem früheren Beitrag bei JuWiss das Ziel hinter der damaligen neu gegründeten Initiative dargestellt. Kurz erklärt sollen frei zugängliche und verwendbare Materialien nach der Open Definition angefertigt werden, die sich durch eine hohe inhaltliche Qualität, Aktualität und Veränderbarkeit auszeichnen. Während die Beiden noch für die Zukunft sprechen mussten und ihre ambitionierten Pläne insbesondere für das Grundrechte-Projekt dargelegt haben, können nun die Errungenschaften für ein weiteres Projekt von OpenRewi mit der Realität abgeglichen und Erfahrungen aus der Projektphase geteilt werden: Nach dem Startschuss im Februar 2021 wurde das Lehrbuch zum Staatsorganisationsrecht nunmehr beim DeGruyter-Verlag veröffentlicht. Das gesamte Werk steht über die Verlagshomepage als Open Access Version zur Verfügung. Zudem können Studierende und Interessierte die Inhalte auf Wikibooks kommentieren.

Das Projekt und Ablauf der Schreibphase

Das Staatsorganisationsrechts-Projekt entwickelte sich aus dem Grundrechte-Projekt heraus und konnte auf den dort gesammelten wertvollen Erfahrungen aufbauen. Die Arbeit wurde dadurch erheblich erleichtert: Wir konnten auf gut durchdachte Strukturen zurückgreifen, die dann individuell auf das Staatsorganisationsrecht angepasst wurden. Die interne Organisation der Autor:innen, die Frage nach funktionierenden Kommunikationswegen oder ähnliche Herausforderungen konnten über die breite OpenRewi-Community gemeinsam besprochen werden.

Doch wie arbeitet ein Team von 17 Autor:innen aus ganz Deutschland effektiv zusammen, um am Ende ein einheitliches Lehrbuch präsentieren zu können? Gleichrangig und gemeinsam wurden die Lehrbuchinhalte innerhalb des Teams adressat:innenorientiert strukturiert und an die einzelnen Autor:innen verteilt. Die Inhalte wurden in den folgenden Wochen in sog. „Booksprints“ auf Wikibooks verfasst. Ein Booksprint beschreibt eine intensivere dreiwöchige Arbeitsphase, in welcher die Beiträge für das Lehrbuch erstellt werden, um sie dann im Anschluss zu kommentieren und zu verbessern. Dieser „Peer-Review“-Prozess wurde mehrfach wiederholt, wodurch das Feedback unterschiedlicher Mitautor:innen in weiteren Booksprints einbezogen werden konnte. Dies führte zu qualitativ hochwertigen und mehrfach überprüften Texten. Nach erneuter Durchsicht durch das Herausgebenden-Team (Valentina Chiofalo/ Jaschar Kohal/ Louisa Linke), die dazu diente, eine Vereinheitlichung zu gewährleisten, konnte ein Gesamtmanuskript beim Verlag eingereicht werden.

Die Strukturierung der Lehrbuchinhalte und vielfältige Abstimmungsprozesse

Damit sind bereits die ersten Schwierigkeiten eines solchen Projekts angesprochen. Mit der Vielzahl der Autor:innen aus neun Bundesländern geht ein besonderer Abstimmungsbedarf innerhalb des Autor:innenteams einher. Denn die Inhalte des Lehrbuches (die Varianz der Themen, der Fokus des konkreten Inhaltes, die spezifische Aufarbeitung der Thematik etc.) sind vielfältig geprägt von der jeweiligen universitätsspezifischen Ausbildung, die die Autor:innen genießen durften oder sogar selbst aktuell lehren bzw. von den eigenen Interessenschwerpunkten. Somit profitieren Studierende unmittelbar von dem dezentralen und übergreifenden Zusammenarbeiten der Autor:innen.

Neben der unterschiedlichen Prägung der Autor:innen sowie deren verschiedentlichen Interessen, führte gleichzeitig die Demokratisierung des Buchprojektes zu einem erhöhten Abstimmungsprozess. So wurde beispielsweise über Themen diskutiert, die in einem Lehrbuch zum Staatsorganisationsrecht aus der jeweiligen Perspektive nicht fehlen durften oder über die konkret studierendenfreundliche Aufarbeitung der Inhalte. Hierzu wurden vorbereitend zum Schreibprozess nicht nur mit allen Autor:innen Videokonferenzen abgehalten, um einem solchen Meinungsaustausch einen angemessenen Raum zu geben, darüber hinaus wurde dieser auch in Zweier- oder Gruppengesprächen über den internen Messenger fortgeführt, was das Projekt über die gesamte Schreibphase hinweg begleitete. Interne Absprachen, eine gute Kommunikation und Verlässlichkeit waren daher Grundvoraussetzungen für das Gelingen des gesamten Projekts.

Eine besondere Hürde im Staatsorganisationsrecht bestand in der klaren Abgrenzung der Inhalte. Denn, anders als im Grundrechte-Projekt, indem die Themen anhand der einzelnen Grundrechte klar definierbar waren, waren die Autor:innen im Staatsorganisationsrecht darangehalten, den spezifischen Rahmen des eigenen Beitrags festzusetzen.

Wir als Herausgeber:innen hatten uns zu Beginn des Projektes entschieden, die Themen eher enger gefasst zu definieren und dafür eine Vielzahl an Beiträgen auf die Liste der potentiellen Lehrbuchinhalte zu setzen. Dies hatte den Vorteil, dass die Autor:innen ihren Interessen entsprechend Themen auswählen konnten und nicht weitere Autor:innen gezielt ansprechen und finden mussten, die mit ihnen etwa das Rechtsstaatsprinzip im Gesamten bearbeiten. Dies bedeutete aber gleichermaßen einen größeren Steuerungs- und Organisationsprozess für uns alle, wofür wir intern verschiedene Listen zur Orientierung angelegt haben.

Da die Arbeit am Lehrbuch für die Autor:innen in der Regel gerade nicht die Haupttätigkeit darstellte, musste das Projekt natürlich auch auf unterschiedliche Arbeitsbelastungen an den Lehrstühlen, als Dozent:innen oder im begleitenden Referendariat Rücksicht nehmen. Dank flexibler Handhabung von Arbeitsphasen und Hilfestellungen im Team wurde der Schreibprozess stetig angepasst, neue Lehrbuchinhalte in die interne To-Do-Liste aufgenommen, andere gekürzt oder ganz gestrichen. Eine gewisse Flexibilität (und Geduld) ist in einem solchen Projekt wohl unerlässlich.

Dank gebührt dem Team und Aufruf zur Mitarbeit

Dies alles war nur möglich, weil die Autor:innen trotz Covid-19, unterschiedlicher Lehrstuhlanbindung und keinem einzigen physischen Treffen motiviert blieben, sich gegenseitig unterstützten und daran glauben, dass Lehre und Wissenschaft von Open Access profitieren. Als Resultat können wir nach gut eineinhalb Jahren das fertige Produkt in den Händen halten. Abschließend sei der erneute Hinweis erlaubt: Neben der Verlagsveröffentlichung finden sich alle Beiträge auf Wikibooks. Wir möchten alle dazu einladen, die verschiedenen Inhalte zu lesen und zu kommentieren, um die Qualität der Lehrinhalte noch weiter zu verbessern. Denn Open Access, und somit auch OpenRewi, lebt von der Community, dem gemeinsamen Arbeiten und Weiterentwickeln.

Sollte der Beitrag bei euch Interesse an einer Herausgeber:innenschaft, Autor:innenschaft oder reinen Mitgliedschaft bei OpenRewi geweckt haben, dann laden wir euch herzlich zum „Tag der offenen Tür“ am 12.09.2022 von 17 – 18:30 Uhr (Anmeldung hier) ein.

 

Zitiervorschlag: Chiofalo, Valentina / Kohal, Jaschar / Linke, Louisa, OpenRewi: How to Lehrbuch – behind the scenes, JuWissBlog Nr. 51/2022 v. 30.08.2022, https://www.juwiss.de/51-2022/.

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