Für Euch immernoch Du! – Zum Siezen und Duzen auf der JTÖR

von LASSE RAMSON und FELIX WÜRKERT

Blogbeiträge können sich um unerhörte Begebenheiten drehen. Heute ist die unerhörte Begebenheit das Auftreten des JTÖR-Sies: Auf der Jungen Tagung Öffentliches Recht wird sich plötzlich manchmal gesiezt. Grund genug sich darüber Gedanken zu machen.

Traditionen

Die Junge Tagung Öffentliches Recht (JTÖR) 2026 in Göttingen läuft und so auch die begleitenden Privatchats. Hier ein kleiner Auszug:

Ein wenig fühlen wir uns dabei wie Statler und Waldorf, den älteren Herren in der Muppet-Show, die aus dem Off ihrer Loge grummelnd die Geschehnisse kommentieren, immer in Bezug auf eine verklärte goldene Vergangenheit: „Dass haben wir ja noch nie so gemacht!“ „Wo kommen wir denn da hin!“ „Unerhört!“

Es gehört zur Natur der JTÖR, dass sich um sie herum Traditionsbestände angesammelt haben: Der Ausschluss Habilitierter; die Ausrichtung auf den gesamten deutschprachigen Raum; ein regionaler Abend; und eben das Du.

Diese Traditionen sind nicht verfasst oder festgelegt, sondern leben als stilles Wissen in den Köpfen der Teilnehmenden und Organisator*innen. Durch die lange wenig formalisierte Verfassung der JTÖR – erst jüngst, im Rahmen der Potsdamer Tagung (2025), wurde ein Verein gegründet – führt dazu, dass diese Wissens- und Traditionsbestände immer vorläufig, verwerf- und vergessenbar existieren. Insofern hoffen wir mit mit diesem Beitrag einen Hinweis auf einen bisher existierende Norm sichtbar zu machen – entsprechend dem Anspruch dieses Blogs, die auf der JTÖR stattfinden Diskussionen aus ihr heraus zu tragen und auf Dauer zu stellen.

Lange war etwa auch der Name Teil dieser Tradition (oder wurde zumindest so wahrgenommen, weil die Namensvielfalt der frühen Jahre vergessen worden war), inklusive der Diskussion darüber. Nun heißt die Tagung schon ein paar Jahre nicht mehr Assistententagung, sondern hat sich einen in doppelter Hinsicht zeigtgemäßeren Namen erwählt. Auch die Beschreibung als „kleine Staatsrechtslehrertagung“ haben wir dieses Jahr noch nicht gehört.

Ein anderes Beispiel ist der Gong, mit denen früher nach dem – traditionell! – allen offenstehenden Eröffnungsabend den Habilitierten verdeutlicht wurde, den Saal nunmehr verlassen zu müssen. Dieser Traditionsbestand, der noch in der Festschrift zur 60. Tagung in Trier (2020) zum hergebrachten Bestand gezählt wurde, ist mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes verlorengegangen.

Vielleicht gehört also auch das Du zu diesen Traditionen, die sich verändern, vergessen werden oder einen neuen Kontext erhalten. Oder das Sie taucht aus einem noch älteren Traditionsbestand wieder auf, den auch wir als langjährige Begleiter der modernen JTÖR nicht kennen. Vielleicht passt diese Veränderung auch zu einem Teil zum Zeitgeist. Jedenfalls tobt im Feuilleton nicht erst zuletzt eine Diskussion um Gegenwart und Zukunft des Sie, mit einer Bandbreite die von scharfter Zurückweisung bis freudiger Affirmation reicht.

Ohne Du kein wir?

„Das haben wir schon immer so gemacht“ ist meist kein besonders gutes Argument. Der Verweis auf Tradition muss also nicht überzeugen. Aber es gibt, so unsere These, gute Gründe für das Du. Die JTÖR soll dem fachlichen, aber auch dem persönlichen Austausch innerhalb des öffentlichen Rechts dienen.

Die Hürden, hier zu sprechen, sollen möglichst gering sein. Ein Habitus, der akademische Hierarchien im Binnenbereich der Tagungsteilnehmenden markiert, steht diesem Anspruch im Weg. Das JTÖR-Publikum ist heute, was die akademischen Karrierewege angeht, erheblich diverser als in seinen Anfangszeiten. Bestand das Publikum zu Beginn ausschließlich aus habilitierenden Männern, reicht das Spektrum heute von der 40-jährigen Juniorprofessorin bis zu 20-Jährigen Studierenden mit Promotionsinteresse und darüber hinaus. Beide sollen von der Diskussion, der Kritik, dem Austausch auf der JTÖR profitieren können, was nur gelingt, wenn die außerhalb dieses Raums herrschenden Hierarchien zumindest für den Moment ad acta gelegt werden.

Die gleichförmige Ansprache mit dem Du ist ein Element dieses Versuchs einer Markierung akademischer Gleichheit, ein Bekenntnis zum Ideal des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments, das nicht von der Sprechendenposition abhängig sein soll (Ja, auch das „subtile“ Namedropping – hier Habermas – ist Teil der Tradition). Siezen ist nicht nur höflich, es erlaubt auch Hierarchien zu kommunizieren und zu stabilisieren.

Das Duzen kann sich nicht wirksam des Vorwurfs erwehren, habituelle Selbsttäuschung zu betreiben. Eine solche Selbsttäuschung kann aber, so unser Einwand, produktiv sein. Zur Frage, ob die Namensschilder auf der JTÖR Titel enthalten, gibt es jedenfalls keine klar erkennbare Tradition. Aber sie scheinen in letzter Zeit häufiger weggelassen zu werden.

Parallele: Die Krux mit der Juniorprofessur

Die Einigung auf das allgemeine Du trägt jedoch auch darüber hinaus zur Lösung eines strukturellen Problems bei: Auf der JTÖR können sich wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Doktorand*innen neben Ihren Vorgesetzten oder Betreuer*innen wiederfinden. Dieses Abhängigkeitsverhältnis hat jedoch auf der JTÖR eigentlich nichts zu suchen.

Das Du ist damit auch eine Antwort auf die Verfehlung der Staatsrechtslehrertagung, Juniorprofessor*innen, die ansonsten selbstverständlich mit Lasten und Aufgaben einer Professur in gleichem Maße wie die Ordinarien belastet werden, auszuschließen. Im Vorfeld der Tagung in Hamburg (2023) gab es eine lebhafte Diskussion um die Frage, ob Juniorprofessor*innen auf Tenure-Tracks noch zum Publikum der Tagung zählen sollten – mit dem vorläufigen Ergebnis: Wo denn sonst? Das konsequente Duzen auf der JTÖR ist dann auch Antwort auf die Spannung, die sich aus deren Teilnahme ergibt.

Ein kleines bisschen Subversion

Zudem wohnt dem JTÖR-Du auch ein kleines bisschen Subversion inne. Die JTÖR ist mit ihrem Ausschluss von Habilitierten immer auch eine etwas eingeschnappte Reaktion auf die Staatsrechtslehrertagung gewesen, in deren Schatten man nicht stehen will, die aber dennoch die habituelle Folie bildet, oft – mit ihren auch externen Beobachtenden etwas eklektisch erscheinenden Traditionen – auch als Gegenbild.

In diesem Sinne funktioniert auch das JTÖR-Du . Denn es ist unklar, was mit dem einmal gegebenen Du nach der JTÖR und im Verlauf der Zeit passiert. Duzt man sich immernoch, wenn die eine Inhaberin einer W3-Professur ist und der andere Doktorand? Und wenn nicht, warum eigentlich? Was passiert mit dem oben beschriebenen Verhältnis zwischen Doktorand*in und Juniorprofessor*in, wenn die JTÖR vorbei ist? Wir finden, diese Irritationen der Hierarchie sollten über das JTÖR-Du weiterhin in die Welt getragen werden.

Zitiervorschlag: Ramson, Lasse, und Felix Würkert, Für Euch immernoch Du! – Zum Siezen und Duzen auf der JTÖR, JuWissBlog Nr. 47/2026 v. 22.05.2026, https://www.juwiss.de/47-2026/.

Dieses Werk ist unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 lizenziert.

Duzen, Göttingen, Habitus, JTOER, Siezen
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